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Der Prager Wenzelsplatz

Infothek

Adresse: Václavské nám., 110 00 Praha 1, Tschechien

Wegbeschreibung:

Einfach erreichbar über die Metrostationen Muzeum oder Můstek.

Kartenansicht:

Zusätzliche Informationen:

Route zum Wenzelsplatz per Google-Maps »

 

Zur Entstehungsgeschichte des Platzes

Bild vom Wenzelsplatz mit Nationalmuseum

Der ca. 750 Meter lange und rund 60 Meter breite Wenzelsplatz gleicht heutzutage eher einer gutbesuchten Einkaufsmeile denn einem klassischen Platz. Zusammen mit der Neustadt Mitte des 15. Jahrhunderts gegründet, war er bis ins 19. Jahrhundert ein Rossmarkt. Jeden Donnerstag traf man sich hier zum Pferdehandel und hatte aufgrund der außerordentlichen Länge auch ausreichend Platz die Gangart der jeweiligen Rasse vorzuführen.

Seinen heutigen Namen verdankt der Platz dem Journalisten Karel Havlíček Borovský, der während einer Volksversammlung im Revolutionsjahr 1848 die Namensänderung vorschlug. Nach dem 1877 der letzte Markt abgehalten wurde, verwandelte der Wenzelsplatz sein Aussehen. Man trug an der Nordseite das gotische St.-Prokops-Tor, auch „Rosstor“ (Koňská brána) genannt, ab, an deren Seite früher auch ein Bach auf den Markt weitergeleitet wurde, der den Pferden als Tränke diente. An seiner Stelle baute man in den Jahren 1885 bis 1890 das Nationalmuseum auf, das nicht zuletzt Ausdruck eines neuen tschechischen Nationalbewusstseins war. Durch Auffüllung einer Grabenanlage am anderen Ende des Areals gewann der Platz nochmals rund 70 Meter Länge hinzu und die vorhandenen Straßenzüge zu beiden Seiten erfuhren eine gewaltige Aufwertung durch Um- und Neubauten. Nun entstanden Fassadenfronten im Gründer- und Jugendstil und in diese Gebäude zogen noble Geschäfte ein, die das Gepräge des einstigen Marktplatzes völlig veränderten. Bis etwa 1930 hat der Wenzelsplatz sein heutiges Aussehen erhalten. In der sozialistischen Nachkriegsära wurden nur mehr wenige Häuser neu aufgebaut, zumeist als Folge von Beschädigungen im Zweiten Weltkrieg.

Seinen Charakter als Einkaufsboulevard hat der Wenzelsplatz bis heute bewahrt, auch wenn der einstige Glanz einer typisch großstädtischen Kommerzialisierung gewichen ist. Die noblen Geschäfte von einst haben Souvenirläden, Bekleidungsgeschäfte der großen Ketten oder Fastfoodläden Platz gemacht und die vormals zum ruhigen Flanieren einladenden breiten Trottoirs teilen sich kauflustige Prager und Touristen mit Würstelbuden und Straßencafés. Zusammen mit den Straßen Na příkopě und Národní třída bildet der Wenzelsplatz das Geschäftszentrum der Stadt, das sogenannte „Goldene Kreuz“.

Das Wenzelsdenkmal

Bild Wenzelstatue und Nationalmuseum

Nicht zu übersehen ist das Reiterstandbild des heiligen Wenzels am Südostende des Wenzelsplatzes und nicht weit vom Nationalmuseum entfernt. Es zeigt den böhmischen Landespatron hoch zu Ross als christlich-abendländischen Ritter in Rüstung und mit einer Lanze in der Hand. Zu seinen Füßen erkennt man vier weitere böhmische Heilige: Vorne rechts Großmutter Ludmilla, links daneben der heilige Prokop, auf seiner Rückseite die heilige Agnes sowie der heilige Adalbert. Erschaffen wurde das Denkmal von Josef V. Myslbek, „dem bedeutendsten tschechischen Bildhauers der Neuzeit“ (Hugo Rokyta), der auch am Nationaltheater, am Gemeindehaus oder an der Ausgestaltung des Veitsdoms mitwirkte. Etwas länger sollte der Kunstinteressierte bei der Plastik der hl. Agnes verweilen, deren besondere künstlerische Bedeutung der bekannte Maler Max Švabinský hervorhob:

„Innerhalb der gesamten weltweiten Bildhauerkunst, der alten wie der neuen, gibt es wenig figurale Darstellungen, bei denen Demut und Heiligkeit einer Ordensfrau ohne gewaltsames Gepräge so überzeugend und in höchstem Maße bildhauerisch-künstlerisch zum Ausdruck gekommen sind.“

Unweit des Denkmals befindet sich, etwas versteckt, das Mahnmal der Studenten Jan Palach und Jan Zajíc, die sich hier aus Protest des sowjetischen Einmarsches 1969 innerhalb eines kurzen Zeitabstands selbst verbrannten.

Der Wenzelsplatz im Fokus geschichtlicher Ereignisse

Bild vom Einmarsch sowjetischer Truppen in Prag 1968

 Was man im Angesicht der heutigen Shoppingmeile gerne vergisst: Der Wenzelsplatz ist ein bedeutender Ort des Protestes gegen (Fremd-) Herrschaft und auch ein geographischer Raum, der die nationale Identität der Tschechen repräsentiert. Viele Reiseführer zählen dabei nur markante Ereignisse des 20. Jahrhunderts auf. Doch schon weit davor und damit zu Zeiten des Pferdemarkts, wurde hier Politik betrieben. Die Obrigkeit nutzte den Platz beispielsweise für öffentliche Hinrichtungen. Dazu wurde an beiden Enden des Areals jeweils ein Galgen aufgebaut. Diese Exekutionen waren immer auch eine Machtdemonstration der Repräsentanten des frühneuzeitlichen Staates. Auf der anderen Seite gab es Protestkundgebungen gegen eine Obrigkeit, die man von tschechischer Seite zumeist als Fremdherrschaft empfand und dessen Legitimität in Frage gestellt wurde. So schrieb ein deutschsprachiger Autor im 19. Jahrhundert in einem Reiseführer über die Bedeutung des Platzes als den Kulminationspunkt von Protest und nationaler Selbstvergewisserung der Tschechen:

„Wo es auch in der Stadt einen Auflauf gab – Die Schlußpointe desselben spielte sich immer auf dem Roßmarkte ab.“

Von überragender Bedeutung für den Wenzelsplatz als geschichtlichen Ort sind natürlich die markanten Ereignisse des 19. und 20. Jahrhunderts. Eine der folgenreichsten Demonstrationen fand 1848 statt und wurde als Prager Pfingstaufstand bekannt. Der Historiker František Palacký berief in Prag vom 2. bis 12. Juni 1848 einen Slawenkongress ein. Dabei formierte sich am 12. Juni, nach Ende einer Messe an der vormaligen Wenzelsstatue, bei der tausende Menschen teilnahmen, ein Demonstrationszug gegen die Habsburger Herrschaft. Zudem forderte man die Absetzung des Prager Militärkommandanten Alfred Fürst Windrischgrätz. Die eskalierenden Auseinandersetzungen mit den in Prag stationierten, habsburgischen Soldaten, die insgesamt fünf Tage andauerten, forderte zahlreiche Opfer. Sie endete in der vollständigen Kapitulation der Aufständischen, die gegen die militärische Übermacht der österreichischen Soldaten keine Chance hatten.

Doch darf man sich die Zeit nicht als eine einzige Einbahnstraße des Protestes gegen die habsburgische Herrschaft vorstellen. Beispielsweise gab es bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Sommer 1914 durchaus große patriotische Umzüge am Wenzelsplatz für die habsburgische Doppelmonarchie Österreich-Ungarns unter dem greisen Kaiser Franz Joseph I.. Mochten die Tschechen zuvor gegen das vermeintliche Völkergefängnis und für mehr Autonomie demonstriert haben, waren die ersten Monate des Krieges von einer ungewöhnlichen Eintracht geprägt.

Auch im 20. Jahrhundert wechselten Versuche der Machtdemonstration und Proteste gegen die Macht einander ab. Während die deutschen Besatzer 1939 sich von wenigen Claqueuren und die sozialistischen Machthaber 1948 sich von seinen Anhängern hier feiern ließen, gab es 1968 beim Aufmarsch sowjetischer Panzer auf dem Wenzelsplatz keinerlei Beifallskundgebungen mehr. Im Gegenteil. Nach dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes kam es zu umfangreichen Akten des zivilen Widerstandes in der damaligen Tschecheslowakei. Trauriger Höhepunkt des Protestes war die Selbstverbrennung der beiden Studenten Jan Palach und Jan Zajíc am Wenzelsplatz im Jahre 1969.

1989 wiederum war der Wenzelsplatz ein wichtiger Ort der Samtenen Revolution, die zum Sturz der sozialistischen Regierung führte. So sprachen am 24. November Václav Havel und Alexander Dubček gemeinsam vom Balkon des Hauses Nr. 56 zu den Demonstranten am Wenzelsplatz und forderten den Rücktritt der Machthaber und umfassende Reformen.



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