Corona in Prag oder die Biertische werden wieder eingepackt

Die Prager Brücke an einem Sommerabend: wir sehen eine lange Reihe von Biertischen entlang des 520 Meter langen Wahrzeichens und an beiden Seiten sitzen gutgelaunte Prager und feiern Ende Juni das Ende des Lockdowns. Da wurde getrunken, gegessen und musiziert, dass es eine Freude war. Die Bilder sind noch präsent und auch Google platzierte diese frohen Nachrichten noch dann in den Suchergebnissen weit oben, als sich die Situation in Prag schon wieder verdunkelte. Und doch fragten sich viele angesichts dieser Bilder von maskenlosen Menschen, die eng an eng sitzen: Was genau wird da eigentlich gefeiert? Und ist die Pandemie per Regierungsdekret nun tatsächlich beendet?

Die Pandemieverweigerer und Aluhutträger in den Social-Media-Kanälen feierten die vermeintliche Lockerheit der Tschechen und auch wir als auswärtige Prag-Besucher nahmen in diesen Tagen etwas verblüfft zur Kenntnis, dass man es mit Abstand und Masken nun gar nicht mehr allzu ernst nahm. Doch ist das die Schuld der Einheimischen oder der Touristen? Nein, sie sind nicht schlechter oder besser als die Menschen, die in den Nachbarstaaten durch die Straßen schlendern. Man macht, was man tun muss, aber auch nicht mehr. Schuld ist vielmehr die merkwürdige Pandemie-Strategie, die Regierung und Behörden seit Wochen fahren. Da erklärt man beispielsweise für die Metro eine Maskenpflicht (an die sich übrigens auch nahezu alle hielten), nimmt aber Busse und Straßenbahnen von dieser Pflicht aus. Wer beobachten durfte, wie eng es gerade zu Stoßzeiten in den Trambahnen zugeht, konnte nur verwundert den Kopf schütteln. Da erklärt man die Pandemie-Zeit als große Zeit des Nachdenken über ein mögliches Umdenken im Touristik-Bereich, wo man in Zukunft das Partyvolk aus dem Zentrum mehr in die Peripherie verlagern möchte und verfügt für die Gegenwart das genaue Gegenteil. Im Unterschied zum großen Nachbarn Deutschland konnte man gar nicht schnell genug wieder die Clubs und Diskotheken öffnen. Mit der Folge, dass Prag ganz schnell zum Party-Mekka für junge Deutsche avancierte. Bei einer Fahrtzeit von nicht mal 90 Minuten von Dresden her, ist das auch kein Wunder. Und dass Corona-Schreckensmeldungen über Ansteckungen in großer Zahl nicht lange auf sich warten ließen, erst recht nicht. Will einer der Verantwortlichen behaupten, er hätte das nicht voraussehen können? 

Jetzt ist das Kind in rasenden Tempo in den Brunnen gefallen und nun versucht man sich in Schadensbegrenzung. Und der vorige Musterschüler in Sachen Lockdown (Tschechien hat zu Anfang eine der Staaten mit den rigidesten Corona-Maßnahmen), hat zumindest Prag aus Fahrlässigkeit in einem Corona-Hotspot verwandelt, den zu betreten sich wohl immer mehr Touristen nun mehr als zwei Mal überlegen. Spätestens als Deutschland vorgestern eine Reisewarnung ausgesprochen hat, dürften Reisebüros, Hotelbesitzer oder Airbnb-Anbieter mit Absagen überschüttet werden. Denn schon in diesem Sommer hörte man auf Prags Straßen neben dem Tschechischen vor allem die deutsche Sprache. Doch bevor wieder von den überempfindlichen Deutschen die Rede ist: Länder wie Norwegen, Slowenien oder Großbritannien haben schon vor mehr als zwei Wochen eine 14-tägige Quarantänepflicht für Rückkehrer aus Prag verfügt.
Somit hat man mit einem inkonsequenten Pandemie-Kurs vor allem der sowieso schon darbenden Tourismus-Branche einen Bärendienst erwiesen. Dieser zweite Lockdown von außen wird die Branche jetzt noch einmal mit voller Wucht treffen und viele schöne Hotels, Restaurants und Kneipen zum Aufgeben zwingen. Ein goldener Herbst ist für die Stadt damit passé, die Biertische können wieder eingepackt werden.