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Die Prager Cafehauskultur - Eine Einführung

Prolog

Karte aus dem Cafe Slavia

"Hier im Kaffeehaus wurde diskutiert, geplant, leidenschaftlich debattiert, und die erotische Zeitschrift La vie parisienne ging von Hand zu Hand und war nach ein paar Tagen zerschlissen wie eine Regimentsfahne nach der Bataille" Jaroslav Seifert

Das literarische Prag der Jahrhundertwende ist ohne seine Cafehauskultur nicht denkbar. Denn gerade die Cafes waren der Treffpunkt für Schriftsteller und bildende Künstler. Doch das war nicht nur ein Prager, sondern vielmehr ein europäisches Phänomen. Ob nun das "Cafe Grössenwahn" in Berlin, das Cafe "Central" in Wien oder die "Closerie des Lilas" in Paris: Immer avancierten diese Lokale zu einem kulturellen Zentrum. Hier wurde über moderne Kunst und ihre  Theorien diskutiert und gestritten, Ausstellungen und Lesungen veranstaltet oder, wie in Prag im Streit um die Anerkennung des Kubismus geschehen, als der Gegensatz zu den etablierten bürgerlichen Kunstrichtungen seinen Siedepunkt erreichte, mit Verve die Abspaltung,  kurz: die Sezession verkündet. Sogleich setzte sich die Maschinerie der Gegenkultur mit der Gründung von eigenen Vereinen oder eigenen Zeitschriften in Gang, um genau die Positionen zu besetzen, die man unter anderen Vorzeichen eben noch so verachtet hatte.

Das Cafehaus war aber auch ein klassisches Informationszentrum. Viele Cafes leisteten sich eine große Auswahl an internationalen Tageszeitungen und Journaillen, die für die vielen mittellosen Künstler eine bequeme Möglichkeit darstellten, sich en passant bei einer billigen Tasse Kaffee umfassend zu informieren. Strahlender Fixpunkt dieser Jahre, oder wenn man so will: das Mekka der modernen Kunst, war Paris. Immer gab es jemanden, der gerade nach Paris aufbrach oder mit aufregenden Neuigkeiten im Gepäck von der Seine an die Moldau zurückkehrte. Dabei wurde auch so mancher Hilferuf eines notleidenden Kollegen erhört, dem gerade wieder einmal das Geld in der teuren Kulturmetropole ausging und mit einer spontanen Sammlung ausgeholfen. Legendär und unvergessen daher auch der Kurzbesuch Apollinaires im März 1902, dessen Auftritt von den avantgardistischen Schriftstellern von Prag in Gedichten enthusiastisch gefeiert wurde.

Cafe Louvre bei Nacht

Doch dieses Idyll zeitigt bei genauerer Betrachtung die gleichen tiefen gesellschaftlichen Risse, wie sie die Stadt Prag insgesamt zeigte. Der Nationalitätenkonflikt machte auch vor der Eingangstür der Cafes nicht halt. Die Deutschprager Literaten blieben auch im Cafehaus weitgehend unter sich. Natürlich gab es immer wieder Versuche der Vermittlung und auch der Annäherung. So veröffentlichte Franz Pfemferts Zeitschrift "Aktion" während des ersten Weltkrieges immer wieder deutsche Übersetzungen tschechischer Autoren und auch Max Brod war immer bemüht, für seine deutschen, aber auch tschechischen Freunde in Deutschland Verleger zu finden. Doch die sprachliche Ghettoisierung der deutschsprachigen Prager Autoren verhinderte eine grundlegende Annäherung zwischen den unterschiedlichen Sprachkulturen. Nur wenige der deutschsprachigen Autoren sprachen die tschechische Sprache fehlerfrei. Von Rilke ist bekannt, dass er kaum tschechisch sprechen oder schreiben konnte und auch Kafka, der in der Literatur gerne als rühmliche Ausnahme der Zweisprachigkeit erwähnt wird, musste für Briefe, die er an Vorgesetzte in der Arbeit schrieb, die Hilfe seiner Schwester Ottla und ihrem tschechischen Ehemann Josef in Anspruch nehmen.

Viele bedeutende Cafehäuser dieser Zeit sind inzwischen geschlossen oder aber fristen als Reminiszenz an die alten "glorreichen" Tage das Dasein einer Scheintoten, die für die Touristenströme noch einmal geschminkt und zur Besichtigung freigegeben wurde. Denn mit den alten Cafehäusern ist auch die klassische Cafehauskultur untergegangen oder hat sich zumindest zu anderen Treffpunkten hin verlagert. Doch auch ohne die berühmten Literatencafes von ehedem gibt es nach wie vor eine ganze Anzahl schöner und gemütlicher Cafes in Prag. Gerade nach dem Ende des Sozialismus schossen neue Cafes wie Pilze aus den Boden und bereichern nun das Stadtbild. Neben den bekannten "Touristenfallen", die man wohl in den Zentren jeder größeren Stadt  anfindet, haben sich in den letzten Jahren einige wirklich schöne Cafes etabliert. Einige von ihnen werden auf den folgenden Seiten kurz vorgestellt.



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