Franz Kafka im Goldenen Gässchen

Wohnungssuche mit Schwester Ottla

Kafka, der unter dem Lärm im Haus "Zum goldenen Hecht" litt, suchte im Sommer 1916 wieder einmal eine ruhige Stätte für sein Schreiben. Da traf es sich gut, dass auch seine jüngste Schwester Ottla, die sich von dem vereinnahmenden Elternhaus zu lösen suchte, auf der Suche nach einer Bleibe war. Gemeinsam machte man sich auf den Weg und wurde überraschend in einem kleinen Gässchen fündig, dass heute eine der großen Touristenattraktionen von Prag ist, aber damals vor allem von ärmeren Menschen bewohnt wurde. In einem Brief an Felice Bauer beschreibt er, wie es zu diesem Fund kam:

"Im Sommer ging ich mit Ottla Wohnung suchen, an die Möglichkeit wirklicher Ruhe glaubte ich nicht mehr, immerhin ging ich suchen. Wir sahen einiges auf der Kleinseite an, immerfort dachte ich, wenn doch in einem der alten Palais irgendwo in einem Bodenwinkel ein stilles Loch wäre, um sich dort endlich in Frieden auszustrecken. Nichts, wir fanden nichts eigentliches. Zum Spaß fragten wir in dem kleinen Gässchen nach. Ja, ein Häuschen wäre im November zu vermieten. Ottla, die auch, aber in ihrer Art, Ruhe sucht, verliebte sich in den Gedanken, das Haus zu mieten..."

Zwar war Ottla die eigentliche Mieterin des Häuschens, doch überließ sie es alsbald ihrem Bruder, der es für sein nächtliches Schreiben nutzte. So heißt es in dem Brief an Felice weiter:

"Es hatte viele Mängel des Anfangs, ich habe nicht Zeit genug, um die Entwicklung zu erzählen. Heute entspricht es mir ganz und gar. In allem: der schöne Weg hinauf, die Stille dort, von einem Nachbar trennt mich nur eine sehr dünne Wand, aber der Nachbar ist still genug; ich trage mir das Abendessen hinauf und bin dort meistens bis Mitternacht; dann der Vorzug des Weges nach Hause: ich muss mich entschließen aufzuhören, ich habe dann den Weg, der mir den Kopf kühlt. Und das Leben dort: es ist etwas Besonderes, sein Haus zu haben, hinter der Welt die Tür nicht des Zimmers, nicht der Wohnung, sondern gleich des Hauses abzusperren; aus der Wohnungstür geradezu in den Schnee der stillen Gasse zu treten. Das Ganze zwanzig Kronen monatlich, von der Schwester mit allem Nötigen versorgt, von dem kleinen Blumenmädchen (Ottlas Schülerin) so geringfügig als es nötig ist bedient, alles in Ordnung und schön."

Und das Leben dort: es ist etwas Besonderes

Bis etwa April 1917 verbrachte Kafka hier seine Abendstunden schreibend. Dabei verfasste er die meisten Erzählungen, die in den Erzählband "Ein Landarzt" Eingang fanden, der 1920 veröffentlicht wurde.

Das Haus Nr. 22 kann natürlich heute noch besichtigt werden.


Adresse:

Adresse: Zlata ulicka 22, Praha 02

Wegbeschreibung:
Kommt man von der St.-Veits-Kathedrale her, geht man am Seitenschiff der Kathedrale entlang durch den Dritten Burghof, von dort an der St.-Georgs-Kirche vorbei in die Georgsgasse (Jirska ulice). Dort biegt man dann links in die Alchimistengasse ein. Leider ist die Begehung der Alchimistengasse inzwischen zu den Hauptzeiten kostenpflichtig.

Kartenansicht:

Lesen Sie auch:

Bild Geburtshaus Kafka

Die Wohnungen der Eltern

Angefangen vom Geburtshaus Kafkas werden hier alle wichtigen Lebensorte Kafkas bis zum 30. Lebensjahr aufgeführt. Zudem werden die Orte geschildert, wo Vater Hermann sein Kurzwarengechäft betrieb.

Bild Assicurazioni Generali - Kafkas ehemaliger Arbeitsstelle

Schule, Studium und Arbeit

Von der Volksschule zum Gymnasium, vom Gymnasium an die Universität. Und von dort aus in die Versicherungsanstalt: Verfolgen Sie den geradlinigen Ausbildungs- und Berufsweg Franz Kafkas in Prag.

Bild Kinoeingang Lucerna - Das älteste Kino in Prag

Freunde und Freizeit

Ob Kino, Variete, Cafehaus oder private Wohnungen: Entgegen dem herkömmlichen Bild vom eremitischen Leben des Autors war Kafka im Prag dieser Jahre viel unterwegs. Einige der wichtigsten Orte werden auf den folgenden Seiten vorgestellt.

Bild Das Franz-Kafka-Denkmal in Prag

Gedenkstätten Kafkas

Während man sich im sozialistischen Prag noch schwer tat mit einer Würdigung des Schriftstellers, mutierte Kafka spätestens nach der Wende zu einer Ikone der Stadt, mit eigenem Museum und weiteren Gedenkstätten.