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Das Geschäft Hermann Kafkas

Adressen: Celetná 602/3 & 558/12, Kinsky-Palais am Altstädter Ring (Staroměstské nám. 12)

Wegbeschreibung:

Die Adressen sind bequem über den Altstädter Ring innerhalb von Minuten erreichbar.

Google-Maps:

 

Der Anfang

Kurz nach seiner Heirat im Jahre 1882 und ein Jahr vor der Geburt seines ältesten Sohnes Franz eröffnete Herrmann Kafka mithilfe der finanziellen Unterstützung seiner Frau ein Galanteriewarengeschäft an der Nordseite des Altstädter Rings. In dem Haus befand sich auch das Hotel Goldhammer, in dem die Kafkas kurz danach, am 03.09.1882, auch ihre Hochzeit feierten. Das Gebäude besteht heute nicht mehr und sein ungefähres Aussehen ist nur durch ein Gemälde überliefert. In der Zeit der großen Assanierung ist die gesamte Nordseite später abgerissen worden.

Im September 1896 zog das Geschäft in das Haus "Zu den drei Königen", wo auch die Familie eine neue Wohnung bezog (siehe auch: Wohnungen der Eltern -> Haus Drei Könige). Mit diesem Umzug wandelte sich das Geschäft auch von einem Einzelhandelsgeschäft mit Straßenverkauf zu einem Großhandelsgeschäft. Nach zehn Jahren wurde der Platz zu knapp und man zog schräg gegenüber in die Zeltnergasse (Celetná) 12. Von dort aus siedelte man dann schließlich in den rechten Bereich des Kinsky-Palais um. Dort verblieb das Geschäft auch noch nach seinem Verkauf im Juni 1918. Es wurde von von Friedrich Löwy gekauft, einem Vetter von Kafkas Mutter Julie. Der Verkaufspreis betrug 500.000 Kronen.



Geschäftstüchtigkeit und Tyrannei

Geschäft in der Celetná 12

Schon in der Anfangszeit zeichnete sich Hermann Kafka durch einen robusten Geschäftssinn und Geschicklichkeit im Umgang mit der Kundschaft aus, Tugenden, die Kafka voller Bewunderung in seinem späteren "Brief an den Vater" beschreibt:

"An und für sich besonders in der Kinderzeit, solange es ein Gassengeschäft war, hätte es mich sehr freuen müssen, es war so lebendig, abends beleuchtet, man sah, man hörte viel, konnte hie und da helfen, sich auszeichnen, vor allem aber Dich bewundern in Deinen großartigen kaufmännischen Talenten, wie Du verkauftest, Leute behandeltest, Späße machtest, unermüdlich warst, in Zweifelsfällen sofort die Entscheidung wußtest und so weiter; noch wie Du einpacktest oder eine Kiste aufmachtest, war ein sehenswertes Schauspiel und das Ganze alles in allem gewiß nicht die schlechteste Kinderschule."

Doch das war nur die eine Seite der Medaille. Derselbe Vater, der eben noch charmant die Kunden bediente, konnte im nächsten Moment gegenüber seinen Angestellten einen seiner gefürchteten Wutausbrüche bekommen. Auch dies blieb seinem sensiblen Sohn natürlich nicht verborgen:

"Dich aber hörte und sah ich im Geschäft schreien, schimpfen und wüten, wie es meiner damaligen Meinung nach in der ganzen Welt nicht wieder vorkam." Franz (Kafka: "Brief an den Vater")

Das konnte sogar soweit führen, dass er einen lungenkranken Gehilfen mit den Worten: "Er soll krepieren, der kranke Hund" traktierte, sodass sein Sohn folgerichtig schlussfolgerte:

"Du nanntest die Angestellten 'bezahlte Feinde', das waren sie auch, aber noch ehe sie es geworden waren, schienst Du mir ihr 'zahlender Feind' zu sein"
(Franz Kafka: "Brief an den Vater" )



"Prozess" gegen Hermann Kafka

Geschäft im Kinky Palais (im rechten Bereich)

Ein Grund - aber keine Entschuldigung - für diese groben Entgleisungen mag man vielleicht in den nervenzerreibenden Beschuldigungen finden, denen sich Hermann Kafka immer wieder ausgesetzt sah. Alena Wagnerova, die sich die Akte Hermann Kafka in den Beständen des Prager Polizeipräsidiums durchsah, spricht, in Anlehnung an Kafkas Roman, bei der Anhäufung von Vorfällen von einem "Prozess" der hier gegen Kafkas Vater über all die Jahre geführt wurde. Das meiste waren Bagatellen, wie kleinere Diebstähle oder Falschgeld, das man als Bezahlung entgegennahm und versehentlich als Wechselgeld wieder herausgab. Auch scheinbare Verstöße gegen die Sonntagsruhe, die von Antisemiten zur Anzeige gebracht wurden, fallen darunter. Schwerer dagegen wog schon der Verdacht aus dem Jahr 1888, als Hermann Kafka der Einkauf gestohlener Ware vorgeworfen wurde. Zwar wurde er am 16. Oktober 1888 freigesprochen, doch noch Jahre später (1895), als er zum Sachverständigen vorgeschlagen wurde, fand man es noch wert diesen Fall zu erwähnen. In einem Klima von Verdächtigungen, in dem sich die ganze Stadt befand, war auch Hermann Kafka sicher nicht dagegen gefeit "Sündenböcke" für diese Denunziationen zu suchen und vermutlich allzu schnell auch im Personal auszumachen.


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