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Die Zivilschwimmschule

Adresse: U Plovárny 8, 118 00 Praha 1

Wegbeschreibung:

Man fährt mit der Metro zur Station Malostranska, geht über die Kreuzung und dann in die Nábřeží Edvarda Beneše entlang und stößt dann nach ein paar hundert Metern rechts auf das Gebäude, in dem sich ein Restaurant befindet und das zur früheren Schwimmschule gehörte.

Google-Maps:

 
Hauptgebäude der ehem. Zivilschwimmschule

Franz Kafka war ein begeisterter Schwimmer und Ruderer. Und die Zivilschwimmschule war eines der Sommerbäder, die er gerne aufsuchte, früher in Begleitung seines Vaters, später alleine oder mit Freunden. Er erwarb auch als Erwachsener ein eigenes Ruderboot, "Seelentränker" genannt, das vor allem in der Nähe der Schwimmschule seinen Anlegeplatz hatte.

Die ehemalige Zivilschwimmschule bestand aus dem heute noch bestehenden Hauptgebäude und der jedes Jahr zur Badesaison aus Holzplanken aufgebauten Badeanstalt, die in ein Schwimmer- und in ein Nichtschwimmerbecken aufgeteilt war. Die Schwimmschule bestand schon seit 1840, wurde aber nach seiner Zerstörung durch Hochwasser in den Jahren 1875/1876 in moderner Gestalt mit 150 Kabinen und Duschmöglichkeiten neu errichtet. Generell waren die Schwimmschulen, wie Rainer Stach in seiner großangelegten Kafka-Biographie ausführt, ein wichtiger Ort für die Kinder um sich auszutoben, da es sonst kaum vernünftige Möglichkeiten zur sportlichen Betätigung gab.



Als kleiner Junge ging Kafka oft mit seinem Vater in die "Civilschwimmschule". Der Vater, der selber kaum schwamm, ließ es sich nicht nehmen seinem schüchternen Sohn das Schwimmen beizubringen. Das alles ging natürlich nicht ohne Ängste ab, die schon beim Umkleiden begannen:

Ich erinnere mich zum Beispiel daran, wie wir uns öfters zusammen in einer Kabine auszogen. Ich mager, schwach, schmal, Du stark, groß, breit. Schon in der Kabine kam ich mir jämmerlich vor, und zwar nicht nur vor Dir, sondern vor der ganzen Welt, denn Du warst für mich das Maß aller Dinge. Traten wir dann aber aus der Kabine vor die Leute hinaus, ich an Deiner Hand, ein kleines Gerippe, unsicher, bloßfüßig auf den Planken, in Angst vor dem Wasser, unfähig Deine Schwimmbewegungen nachzumachen, die Du mir in guter Absicht, aber tatsächlich zu meiner tiefen Beschämung immerfort vormachtest, dann war ich sehr verzweifelt und alle meine schlimmen Erfahrungen auf allen Gebieten stimmten in solchen Augenblicken großartig zusammen. Am wohlsten war mir noch, wenn Du Dich manchmal zuerst auszogst und ich allein in der Kabine bleiben und die Schande des öffentlichen Auftretens so lange hinauszögern konnte, bis Du endlich nachschauen kamst und mich aus der Kabine triebst. Dankbar war ich Dir dafür, daß Du meine Not nicht zu bemerken schienest, auch war ich stolz auf den Körper meines Vaters. (Brief an den Vater)

Im Herbst baute man diese als Provisorium aufgebaute Badeeinrichtung wieder ab, da man befürchtete, dass das Konstrukt einen Winter mit Treibeis auf der Moldau nicht überstehen würde.

In späteren Jahren besuchte Kafka diese Badeanstalt wiederholt mit Max Brod und seiner späteren Frau Elsa Taussig, wovon Tagebucheinträge Max Brods zeugen. Man unternahm da auch öfters Kahnfahrten auf der Moldau.

Erwähnenswert ist auch noch, dass Kafka während eines Besuchs in dieser Badeanstalt im Juni 1917, also wenige Monate vor Ausbruch seiner Tuberkulose-Krankheit, in seinem Auswurf etwas Rotes bemerkte, wie er später in einem Brief an Milena beschreibt und der sich unschwer als Vorbote der Krankheit deuten läßt.



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