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Die Lese- und Redehalle der deutschen Studenten in Prag

Infothek

Adresse: Národní 12, 110 00 Praha 1

Wegbeschreibung:
Am Ende des Wenzelsplatz wechseln Sie links in die "28. října". Die Verlängerung dann ist die Národní, die Sie einfach entlang gehen. Auf der linken Seite kommt erst das Cafe Louvre und dann nach ca. 150 Metern der Bereich, wo früher das Patzakhaus stand, in dem sich die Räumlichkeiten der "Lese- und Redehalle" befanden.

Kartenansicht:

 

Zur Geschichte der Rede- und Lesehalle

Leider existiert das "Patzakhaus", in dem sich die Räumlichkeiten der "Lese- und Redehalle deutscher Studenten" befanden, heute nicht mehr. Das Gebäude wurde in den 60er Jahren abgerissen. Besucht man das Cafe Slavia oder das Cafe Louvre, kann man ja bei der Nr. 12 kurz innehalten und sich vergegenwärtigen, dass hier der Ort ist, wo die lebenslange Freundschaft Franz Kafkas und Max Brod begann.

Im Gegensatz zur völkischen Studentenvereinigung "Germania" waren die Studenten der "Halle" (wie sie kurz genannt wurde) eher liberal eingestellt. Liberal ist hierbei aber nicht im heutigen Sinne zu verstehen, wie Rainer Stach in seiner Kafka-Biographie ausführt:

Auch die Halle war selbstverständlich deutschnational orientiert und verstand sich als kulturelle Bastion gegen den zunehmenden Einfluss der Tschechen. Doch es war dies ein liberal gemeintes, an den Idealen von 1848 orientiertes Deutschland, das mit antisemitischen oder gar rassistischen unvereinbar war: "deutschfreiheitlich" lautete der einschlägige Slogan, den auch gebildete, traditionsbewusste Juden aus dem Altstädter Milieu durchaus mittragen konnten. 
aus: Reiner Stach, "Kafka. Die frühen Jahre", S. 233

Die "Halle" besaß ungefähr 500 Mitglieder und das soziale Leben spielte sich in Abteilungen ab, wo sich Gleichgesinnte zu einem bestimmten Thema zusammen fanden. Der Jura-Student Franz Kafka (siehe auch: Opens internal link in current windowDas Studium) wurde nach dem üblichen Aufnahmeritual, das einen Eid auf eine "treudeutsche Gesinnung" und deren Überprüfung verlangte, mit Ehrenwort und Handschlag aufgenommen. Kafka und später auch Brod schlossen sich der ungefähr 50 Mitglieder starken "Abteilung für Literatur und Kunst" an, wo über zeitgenössische Autoren und Kunstrichtungen diskutiert wurde. 

Ein wichtiger Bereich der "Halle" war sicherlich die ausgezeichnet ausgestattete Bibliothek, die neben tausenden Bänden (darunter viele zeitgenössische Werke), auch mehr als 600 Zeitschriften umfasste. Bücher waren um die Jahrhundertwende noch eine kostspielige Anschaffung und für die meisten Studenten nur in geringem Umfang erschwinglich. Um so wichtiger war der freie Zugang zu öffentlichen Bibliotheken wie dieser. Auch für Kafkas geistige Entwicklung war die Bibliothek der "Halle" ein wichtiger Ort.

Der Beginn der lebenslangen Freundschaft von Kafka und Brod

Die einzelnen Abteilungen der "Halle" veranstalteten in jedem Semester mehrmals öffentliche Vorträge und Lesungen, zu der auch deutsche Gäste von außerhalb eingeladen wurden. So wurde für den 23. Oktober 1902 ein Vortrag angekündigt, den ein gewisser Max Brod (siehe auch: Opens internal link in current windowKurzbiographie zu Max Brod) halten sollte. Das Thema lautete:

Schicksal und Zukunft von Schopenhauers Philosophie

Der gegenüber Kafka um ein Jahr jüngere Brod sorgte, obwohl noch nicht einmal offiziell aufgenommen, sofort für gehörigen Wirbel in der "Halle", engagierte sich sogleich als Kunstberichterstatter und Schriftführer, diskutierte eifrig in verschiedenen Abteilungen mit und kündigte an über seinen Lieblingsphilosophen Schopenhauer zu sprechen, den der 18-Jährige schon mehrfach gelesen hatte und teilweise auswendig zitieren konnte. Leider wurde von diesem Vortrag kein Protokoll angefertigt, was sonst eigentlich üblich war, und es haben sich auch sonst keine Aufzeichnungen und Notizen darüber erhalten. Max Brod konnte sich später vor allem daran erinnern, dass er gegen Nietzsche polemisierte und diesen sogar als "Schwindler" titulierte. Jener Nietzsche, dessen Lektüre des "Zarathustra" auf Kafka zwei Jahre zuvor einen so bleibenden Eindruck machte. Das konnte der ansonsten eher zurückhaltende Kafka nicht unerwidert lassen. Er sprach darum Brod nach der Veranstaltung an und gemeinsam ging man - in fortwährende Diskussionen vertieft - mehrfach den Weg von Kafkas Zuhause in der Zeltnergasse (Celetná) (siehe auch: Opens internal link in current windowHaus Drei Könige) und Brods Heim in der Schalengasse (Skořepka) (siehe auch: Opens internal link in current windowMax Brods Elternhaus) hin und her. Diese Begegnung war der Beginn einer lebenslangen Freundschaft der beiden.



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