Das Gymnasium

Adresse: Palais Goltz-Kinsky am Altstädter Ring (Staroměstské náměstí 606/12)

Wegbeschreibung:

Das Palais Goltz-Kinsky ist das freistehende herrschaftliche Gebäude neben der Teynkirche und nicht zu übersehen. Darin befindet sich heute die Nationalgalerie Prag.

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Das Staatsgymnasium

Palais Goltz-Kinsky

Nachdem der zehnjährige Franz Kafka die Aufnahmeprüfung in den Fächern Religion, Deutsch und Mathematik erfolgreich bestanden hatte, wurde der Schüler am 20. September 1893 in das "Staats-Gymnasium mit deutscher Unterrichtssprache in Prag Altstadt" aufgenommen. Das Gymnasium befand sich im Hinterhaus des Kinsky-Palais, in dessen Vorderhaus auch Herrman Kafka von 1912-1918 sein Warengeschäft betrieb (siehe auch: Das Geschäft Hermann Kafkas). Das Staats-Gymnasium galt als eine der strengsten Lehranstalten in Prag. Der Geist des Klerus, der seit dem Konkordat von 1855 weitreichende Befugnisse für das Bildungswesen übertragen bekam, war noch in der Gymnasialzeit Kafkas präsent. So war beispielsweise Kafkas Klassenlehrer Dr. phil. Emil Gschwind, der ihn in all den Jahren in Latein und Griechisch unterrichtete, Angehöriger des Piaristenordens. Dennoch zeigte sich das Gymnasium auch offen für die Strömungen seiner Zeit und förderte die naturwissenschaftlichen Fächer. Auch war es möglich Altgriechisch durch Französisch zu ersetzen.

Im Gegensatz zum Stefansgymnasium, in das der spätere Freund Max Brod zur Schule ging und das hinsichtlich Religion, Nationalität sowie sozialem Status seine Schüler bunt zusammenwürfelte, war die Zusammensetzung im Altstädter Gymnasium sehr viel homogener. Die Mehrzahl der Schüler waren deutschsprachige Juden. Im ersten Schuljahr Kafkas waren von den 39 Schülern in der Klasse 30 Schüler jüdischen Glaubens und selbst im Abiturjahr hatte sich das Verhältnis nur unwesentlich verändert (17 zu 7). Zu Kafkas Mitschülern gehörten der spätere Philosoph und Zionist Hugo Bergmann und der spätere Kunsthistoriker Ernst Polak, mit denen er sich anfreundete. Aber auch der jüngere Bruder von Egon Erwin Kisch, Paul Kisch, wurde bald ein Vertrauter Kafkas. Später kamen dann Ewald Felix Pribram und Emil Utizt hinzu, mit denen Kafka auch nach der Gymnasialzeit noch freundschaftlich verbunden blieb.



Schulalltag

Kafka 1896, Quelle Wikimedia Commons.

Der Schulalltag war anstrengend. Nicht nur dass man in überfüllten Klassenzimmer saß (in Kafkas Klasse tummelten sich bisweilen bis zu 50 Schüler!), sondern auch die zeitliche Ausdehnung war gewaltig. Man unterteilte das Schuljahr in Semester, die von Mitte September bis Februar, und, nach ein paar Tagen Unterbrechung, von Mitte Februar bis Anfang Juli dauerten. Der alltägliche Unterricht ging bis Mittag und wurde nur um zehn Uhr von einer zehnminütigen Pause unterbrochen. Dazu kamen noch an vier Tagen in der Woche Nachmittagsunterricht, der vor allem freiwilligen Fächern wie Musik- oder Sprachenunterricht vorbehalten blieb. Doch auch danach war man noch ausgiebig mit der Schule beschäftigt:

"Ein so beladenes wöchentliches Arbeitspensum ließ zu nichts anderem Zeit als zur sorgfältigen Ausführung der Hausaufgaben und zur Vorbereitung auf den nächsten Schultag, die bisweilen bis spät in die Nacht dauerten." (G. Kisch, zit. nach: Kafka-Handbuch, Bd. 1, S. 189)

Kafka war in den ersten drei Jahren ein Vorzugsschüler und schaffte auch später immer problemlos die Versetzung, auch wenn seine Leistungen in Mathematik, trotz Nachhilfestunden, immer sehr schlecht waren. Obwohl Kafka in späteren Jahren oftmals behauptete "wenig gelernt und nichts erlernt" zu haben, darf man den Einfluß der Gymnasialzeit für seine spätere Entwicklung zum Schriftsteller sicherlich nicht gering veranschlagen. Neben der ausführlichen Behandlung deutscher Volksmärchen, die Einfluß auf Motive und Themen späterer Erzählungen hatte, war es vor allem der Grammatikunterricht seines Deutschlehrers Demls, dessen Sprachanalyse Kafkas Art des Schreibens stark beeinflußte.

In den letzten Jahren des Gymnasiums beginnt Kafka sich für den Sozialismus zu interessieren, so dass es zu einer Entzweiung mit seinem Freund Hugo Bergmann kommt. Auch gehören Darwin, Spinoza und Nietzsche in den Jahren um die Jahrhundertwende zu seine bevorzugten Autoren. Vom 6. - 10 Mai 1901 legt er schließlich seine schriftliche und vom 8. - 11. Juli dann die mündliche Abiturprüfung ab. Ein schönes Beispiel für den nationalen Geist dieser Jahre ist sicherlich das Aufsatzthema, das man im Fach Deutsch den Absolventen stellte:

"Welche Vorteile erwachsen Österreich aus seiner Weltlage und seinen Bodenverhältnissen?"


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