Das Urteil - Entstehungs- und Publikationsgeschichte

Wenig deutete an diesem Sonntag auf eine „Eruption“ hin, „die in der Weltliteratur ihresgleichen sucht“, wie der Kafka-Biograph Reiner Stach die Nacht vom 22. auf den 23. September 1912 beschrieb, die Nacht, in der Kafka jene Erzählung verfasste, die bis heute zu den am meisten interpretierten Werken der Literatur gehört. Tagsüber beging er mit der Familie Jom Kippur, den höchsten jüdischen Feiertag. Hierzu lud die Familie Kafka auch Verwandte von Josef Pollak ein, dem Verlobten seiner Schwester Valli.

Zwei Tage zuvor schrieb Kafka den ersten Brief an seine spätere Verlobte Felice Bauer, die er Wochen zuvor im Hause Max Brods kennengelernt hatte (siehe auch: Franz Kafka und Felice Bauer). Noch war es nur der zaghafte Versuch einer Anknüpfung an ein Gespräch im August, wo man sich bei einem zufälligem Zusammentreffen im Hause Brods spontan auf eine Palästina-Reise verständigte. Doch die Kontaktaufnahme nährte wohl auch schon vage die Hoffnung, dass eine Verbindung zu Felice Bauer der Weg aus seinem bisherigen Leben bedeuten könnte, aus der Enge der Familie und der Abhängigkeit vom Vater. Als Kafka sich am Sonntagabend, gegen 22 Uhr, zum Schreiben hinsetzte, hatte er einen öden Familientag hinter sich gebracht, der ihm einmal mehr bewies, dass er in seiner Familie "fremder wie ein Fremder" lebte, wie er wenig später festhielt. 

„Das Urteil“ ist eine der wenigen Erzählungen Kafkas, deren Entstehung aufgrund eines Tagebucheintrags eindeutig datiert werden kann. Franz Kafka schrieb die Erzählung in einer einzigen Nacht in sein Tagebuch. Der euphorische Eintrag danach, wo er von einer „vollständigen Öffnung des Leibes und der Seele“ schwärmt, zeigt an, dass ihm das Besondere des Moments bewusst war. Und Kafka beschreibt dabei auch, wie er sein Schreiben verstand: Als einen spontanen Schöpfungsakt, einer Geburt gleich, in dem „alles gewagt werden kann, wie für alle, für die fremdesten Einfälle ein großes Feuer bereitet ist, in dem sie vergehn und auferstehn“ (Tagebuch, 23. September 1912). Mit dem „Urteil“ erreichte Kafka eine neue Stufe seiner schriftstellerischen Entwicklung und zeigte ihm den Weg für sein zukünftiges Schreiben auf. Mit der Niederschrift der Erzählung begann eine der produktivsten Phasen im Leben Kafkas. Es umfasste bis zum 6. Dezember diesen Jahres mehr als 400 Manuskriptseiten und über 60 Briefe an Felice Bauer. 

Am Tag danach trug er die Erzählung Freunden bei einem Treffen in der Wohnung Oskar Baums vor und erhielt dabei die gewünschte Resonanz, die ihm „die Zweifellosigkeit der Geschichte“ (Tagebuch, 25. September 1912) bestätigte. Am 4. Dezember 1912 trug er dann die Erzählung auch vor einem ausgewählten Publikum im Festsaal des Hotels „Erzherzog Stephan (dem heutigen Grandhotel Europa) vor (siehe auch: Lesung im Hotel "Erzherzog Stefan"). Veranstaltet wurde die Autorenlesung von der Herder-Vereinigung und eingeladen hatte Willy Haas, der zusammen mit Norbert Eisler das Publikationsorgan des Vereins, die Herder-Blätter, herausgab.

Zu Kafkas Lebzeiten wurde die Erzählung drei Mal veröffentlicht. Den Anfang machte die Zeitschrift „Arcadia“, einem Jahrbuch für Dichtkunst, das von seinem engsten Freund Max Brod herausgegeben wurde und im Verlag „Kurt Wolff“ erschien. Dort wurde „Das Urteil“ im Jahre 1913 publiziert. Drei Jahre später, im Oktober 1916, erschien die Erzählung im Rahmen der Reihe „Der jüngste Tag“ als Band 34, wiederum im Verlag von Kurt Wolff. Diese Reihe, deren Publikationen in Form von Broschüren herausgegeben wurden, versammelte eine ganze Reihe wichtiger Autoren wie Gottfried Benn oder Walter Hasenclever und stellte ein Forum für neue Dichtung dar, das vor allem viele expressionistische Werke veröffentlichte. Eine veränderte zweite Auflage erschien dann noch mal im Jahre 1920, wobei nicht mehr geklärt werden kann, ob die Textänderungen in Absprache mit Kafka vorgenommen wurden.