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Erläuterungen zu "Das Urteil" - Teil 2

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(11) Worterklärung: Korrespondenzverhältnis

= Briefkontakt

Textstelle:

Oft sprach er mit seiner Braut über diesen Freund und das besondere Korrespondenzverhältnis ...

 

(12) Infragestellung der Verlobung durch Frieda

Dieser Dialog zwischen Frieda und Georg wird in der Literaturwissenschaft oft diskutiert; denn hier kippt die Logik der Erzählung, da die Aussage der Verlobten kaum zu erklären ist und auch Georg in seiner Antwort darauf keineswegs eingeht, sondern vielmehr selber rätselhaft spricht: Denn warum sollte Georg Bendemann sich bei solchen Freunden nicht verloben dürfen und warum tragen daran beide Schuld?

Ein überzeugender Erklärungsansatz erkennt in dem Petersburger Freund das abgespaltene zweite Ich des Autors. Darum wird das imaginierte zweite Autoren-Ich als einsam und erfolglos geschildert, dem Georg noch nicht einmal die Erwähnung seines geschäftlichen Erfolg und der Hochzeit in dessen Einsamkeit zumuten möchte. Doch auch die Zweifel Friedas an der Verlobung lassen erkennen, dass diese Welt der Einsamkeit (des Schreibens) sich kaum mit der bürgerlichen verknüpfen lässt und dass sie hier eine enge Verbindung zu Georgs Leben herstellt. Diese Unvereinbarkeit von Schreiben und Heiraten deutet Georg dann in seiner Antwort als eine Art "archaischen Schuldkomplex" (Christian Schärf), der dann kurz darauf im Zimmer des Vaters vollends eskaliert.

Textstelle:

„Wenn du solche Freunde hast, Georg, hättest du dich überhaupt nicht verloben sollen.“ „Ja, das ist unser beider Schuld; aber ich wollte es auch jetzt nicht anders haben.“ 

 

(13) Worterklärung: angesiedelt

= niedergelassen

Textstelle:

... die sich hier erst lange nach Deiner Abreise angesiedelt hat, die Du also kaum kennen dürftest.

 

(14) Zimmer des Vaters

Kafka beschrieb zwar die Umgebung und den Blick aus der elterlichen Wohnung, nicht aber die Wohnung selber. Denn auf die Bemerkung einer Schwester, dass die beschriebene Wohnung der ihren doch sehr ähnlich sei, antwortete Kafka: 'wieso? Da müsste der Vater ja im Kloset wohnen.' (Tagebucheintrag vom 24.9.1912)

Anbei eine Grafik des Grundrisses der Bendemann-Wohnung, nach der ursprünglichen Konzeption von Frau Dr. Wünsch:

Bild vom Schnitt der Bendemann-Wohnung

Textstelle:

... und ging aus seinem Zimmer quer durch einen kleinen Gang in das Zimmer seines Vaters, in dem er schon seit Monaten nicht gewesen war.

 

(15) Worterklärung: Nötigung

= Notwendigkeit

Textstelle:

Es bestand auch sonst keine Nötigung dazu ...

 

(16) Worterklärung: Speisehaus

= Lokal oder Restaurant

Textstelle:

... denn er verkehrte mit seinem Vater ständig im Geschäft, das Mittagessen nahmen sie gleichzeitig in einem Speisehaus ein ...

 

(17) Thema Essen

Nahrung und insbesondere die Appetitlosigkeit ist ein wichtiges Motiv in Kafkas Texten. Die Nahrung stellt gleichsam ein Bindeglied zwischen Zusammenhalt oder - wie hier - der Isolation eines Menschen dar.

Textstelle:

Auf dem Tisch standen die Reste des Frühstücks, von dem nicht viel verzehrt zu sein schien.

 

(18) Körpergröße als Hinweis auf Machtverhältnisse

Körperliche Größe als erster Hinweis auf die noch bestehende Macht des Vaters. Wie der Germanist Oliver Jahraus feststellt, wird der folgende Machtkampf zwischen Vater und Sohn "nicht allein mit Mitteln der Kommunikation, sondern auch körperlich ausgetragen." (Oliver Jahraus: "Kafka - Leben, Schreiben - Machtapparate", S. 200)

Textstelle:

Sein schwerer Schlafrock öffnete sich im Gehen, die Enden umflatterten ihn — „mein Vater ist noch immer ein Riese“, sagte sich Georg.

 

(19) Worterklärung: im Nachhang

= als Ergänzung

Textstelle:

„Es ist ja ganz warm draußen“, sagte Georg, wie im Nachhang zu dem Früheren, und setzte sich.

 

(20) Worterklärung: anzuzeigen

= förmlich mitzuteilen

Textstelle:

Und deshalb habe ich nicht mehr gezögert, es ihm anzuzeigen

 

(21) Erklärung des Ausdrucks: sperre ich es noch morgen für immer

Gemeint ist eine Geschäftsaufgabe.

Textstelle:

... aber wenn das Geschäft deine Gesundheit bedrohen sollte, sperre ich es noch morgen für immer.

 

 
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