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Erläuterungen zu "Das Urteil" - Teil 1

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(1) Widmung

Bild Felice Bauer

Die Erzählung ist Felice Bauer gewidmet, Kafkas späteren Verlobten.

Siehe auch:
Kurzbiographie zu Felice Bauer »
Franz Kafka und Felice Bauer »

Textstelle:

Für Fräulein Felice B.

 

(2) Zur erzählten Zeit im Urteil

Von Erinnerungen an den Jugendfreund abgesehen, bildet die erzählte Zeit in der Erzählung einen kontinuierlichen Zeitraum von wenigen Stunden.

Der Begriff "erzählte Zeit" stammt aus der Erzähltheorie und bezeichnet die fiktive Zeitspanne eines erzählerischen Werks, in der das Geschehen eines Erzähltextes abläuft.

Textstelle:

Es war an einem Sonntagvormittag im schönsten Frühjahr.

 

(3) Elterliche Wohnung

Bild vom ehemaligen Haus zum Schiff
Das Haus "Zum Schiff" in einer historischen Aufnahme. Man sieht es hier links am Ende der Brücke.

Kafka schrieb die Erzählung in der Nacht vom 22. auf den 23. September 1912 in seinem Zimmer der elterlichen Wohnung im 'Haus zum Schiff', dessen Ambiente er in den folgenden Zeilen ziemlich genau wiedergibt, auch wenn er nicht genau die Aufteilung der elterlichen Wohnung im Sinn hatte.

Siehe auch "Haus zum Schiff" »

Textstelle:

Georg Bendemann, ein junger Kaufmann, saß in seinem Privatzimmer im ersten Stock eines der niedrigen, leichtgebauten, die entlang des Flusses in einer langen Reihe, fast nur in der Höhe und Färbung unterschieden, sich hinzogen.

 

(4) Der Jugendfreund Otto Steuer

Kafka dachte dabei an Otto Steuer, einem ehemaligen Schulkamerad.

Siehe auch seinen Tagebucheintrag vom 12. Februar 1913:

"Ich habe bei der Beschreibung des Freundes in der Fremde viel an Steuer gedacht. Als ich nun zufällig etwa ein Vierteljahr nach dieser Geschichte mit ihm zusammenkam, erzählte er mir, dass er sich etwa vor einem Vierteljahr verlobt hatte."

Textstelle:

Er hatte gerade einen Brief an einen sich im Ausland befindenden Jugendfreund beendet ...

 

(5) Wechsel der Erzählhaltung

Hier wechselt Kafka von einer auktorialen zu einer personalen Erzählform, in der die Handlung der Geschichte, mit Ausnahme des Schlusssatzes, weitgehend aus Georgs Perspektive erzählt wird.

Die auktoriale Erzählform wird in der dritten Person gestaltet. Dieser Erzähler neigt zur Allwissenheit und ist selber nicht Teil der Erzählung. Er nimmt die Rolle eines Urhebers oder Vermittlers an, der alles über die Figuren sowie über die vergangenen und zukünftigen Handlungen weiß. Er ist aber nicht gleichzusetzen mit dem Autor des Buches, sondern ist ein Produkt desselben: Nähe und Unterschiede zur Gedankenwelt des auktorialen Erzählers stellen ein Gestaltungselement des Autors dar.

In der personalen Erzählform dagegen wird das Geschehen aus dem Blickwinkel einer einzelnen Figur geschildert, kann aber auch in andere Figuren eintauchen. Dieses Eintauchen in verschiedene Erzählfiguren wird auch als Multiperspektive bezeichnet und ist ein charakteristisches Erzählmerkmal in Kafkas Werk, das aber hier nicht zur Anwendung kommt, da sich im "Urteil" die Erzählung nahezu ausschließlich aus Georgs Blickwinkel gestaltet. Charakteristisch für den personalen Erzähler ist seine Beschränkung auf die Sicht der Figur, aus dessen Blinkwinkel heraus erzählt wird.

Textstelle:

Er dachte darüber nach, wie dieser Freund, mit seinem Fortkommen zu Hause unzufrieden, vor Jahren schon nach Rußland sich förmlich geflüchtet hatte.

 

(6) Gelbe Hautfarbe

Die Gelbfärbung der Haut ist oft das Symptom einer Gelbsucht (med.: Ikterus). Hierbei kommt es zu einer Gelbfärbung der Haut und der Schleimhäute. Für die gelbe Farbe ist Bilrubin verantwortlich, ein Abfallprodukt des Körpers, der beim Abbau des roten Blutfarbstoffes Hämoglobin entsteht. Oftmals, aber nicht immer, steckt eine Lebererkrankung dahinter.

Textstelle:

... dessen gelbe Hautfarbe auf eine sich entwickelnde Krankheit hinzudeuten schien.

 

(7) Deutschsprachige Kolonien in Sankt Petersburg

In Sankt Petersburg, dem kulturellen Zentrums Russlands und vom 18. bis zum 20. Jahrhundert die Hauptstadt des Russischen Kaiserreichs, lebten zu Beginn des 20. Jahrhunderts ca. 50.000 Deutsche. Schon unter dem Zaren Peter der Große (1672 - 1725) wurden deutsche Handwerker, Kaufleute und Militärs mit Privilegien ins Land gelockt, doch der größte Zuwanderung erfolgte in der Regierungszeit Katharinas der Großen (1729-1796). Es gab einige deutsche Kolonien in ländlichen Abschnitten um Sankt Petersburg herum, aber auch in der Stadt selber wurden einzelne Stadtviertel durch vorwiegend deutsche Handwerker und Kaufleute bewohnt.

Textstelle:

... hatte er keine rechte Verbindung mit der dortigen Kolonie seiner Landsleute ...

 

(8) Die politischen Verhältnisse in Russland

Anspielung auf die instabile innenpolitische Lage in Russland, in der eine von Sankt Petersburg sich ausbreitende Streikbewegung in die Revolution von 1905 mündete. Trotz innenpolitischer Zugeständnisse des Zaren blieb die Lage in Russland in den Folgejahren angespannt. Auch außenpolitisch nahmen die Spannungen mit dem deutschen Kaiserreich bzw. dem mit Deutschland verbündeten Österreich/Ungarn zu, so dass ein möglicher Krieg mit Russland einen deutschsprachigen Geschäftsmann automatisch zum feindlichen Ausländer gemacht hätte.

Textstelle:

Der Freund war nun schon über drei Jahre nicht in der Heimat gewesen und erklärte dies sehr notdürftig mit der Unsicherheit der politischen Verhältnisse in Rußland ...

 

(9) Worterklärung: gemeinsame Wirtschaft

= gemeinsamer Haushalt

Textstelle:

Von dem Todesfall von Georgs Mutter, der vor etwa zwei Jahren erfolgt war und seit welchem Georg mit seinem alten Vater in gemeinsamer Wirtschaft lebte ...

 

(10) Zu dem Namen Frieda Brandenfeld

Kafka selbst sah in dem Namen eine Nähe zu seiner späteren Verlobten Felice Bauer: Die Anfangsbuchstaben von Vor- und Familiennamen waren identisch bei gleicher Anzahl von Buchstaben des Vornamens. Und auch in im Namensteil "feld" sah er eine Beziehung zu Bauer, dem Nachnamen von Felice.

Aus dem Brief an F. Bauer vom 3. Juni 1913:

"Georg hat soviel Buchstaben wie Franz, "Bendemann" besteht aus Bende und Mann, Bende hat soviel Buchstaben wie Kafka und auch die zwei Vokale stehn an gleicher Stelle, "Mann" soll wohl aus Mitleid diesen armen "Bende" stärken. "Frieda" hat soviel Buchstaben wie Felice und auch den gleichen Anfangsbuchstaben, "Friede" und "Glück" liegt auch nah beisammen. "Brandenfeld" hat durch "feld" eine Beziehung zu "Bauer" und den gleichen Anfangsbuchstaben."

Textstelle:

... daß er selbst vor einem Monat mit einem Fräulein Frieda Brandenfeld, einem Mädchen aus wohlhabender Familie, sich verlobt hatte.

 

 
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