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Julie Wohryzek

Julie Wohryzek wurde am 28. Februar 1891 in Prag geboren. Ihr Vater führte ursprünglich ein Lebensmittelgeschäft, arbeitete aber auch als Schlachter und später als Kirchendiener in einer Synagoge, die im Prager Vorort "Königliche Weinberge" lag.

Julie hatte noch zwei Schwestern und einen Bruder. Sie absolvierte wahrscheinlich eine Handelsausbildung und arbeitete später in diversen Anwaltskanzleien als Schreibkraft. Sie sprach wohl vorwiegend deutsch und war "Besitzerin einer unerschöpflichen und unaufhaltbaren Menge der frechsten Jargonausdrücke", wie Kafka sie beschrieb.

Im August 1918 wollte sich die damals 27jährige Julie Wohryzek einer Heilkur in Davos unterziehen, weil sie an einem beidseitigen chronischen Lungenspitzenkatarrh erkrankt war, bekam aber von der Polizeidirektion in Prag keine Erlaubnis für eine Auslandsreise, da Krieg war und man befürchtete eine Schreibkraft, die in mehreren Kanzleien kurz nacheinander tätig und derzeit arbeitslos war, könne politische Nachrichten ins Ausland schmuggeln. So suchte sie sich schließlich eine Pension in Schelesen an der Elbe, wo sie auf Franz Kafka traf, der dort seit Oktober 1918 auf Kur war. Die beiden verliebten sich bald ineinander und obwohl vereinbart war sich nicht mehr wiederzusehen nach der Rückkehr in Prag "flogen wir zueinander wie gejagt", wie Kafka in einem Brief an die Schwester Käthe Wohryzeck schrieb.

Obwohl sich Kafkas Gesundheitszustand seit seiner zusätzlichen Erkrankung an der Spanischen Grippe entscheidend verschlechtert hatte und die Tuberkulose irreversibel machte, verlobte er sich mit Julie Wohryzeck. Für beide war es nicht das erste Mal: während Kafka zwei unglückliche Verlobungsversuche mit Opens internal link in current windowFelice Bauer erlebt hatte, war Julies erster Verlobter, ein überzeugter Zionist, im ersten Weltkrieg als Soldat gefallen. Doch diese Verlobung traf auf den entschiedenen Widerstand der Eltern, die Julie als nicht standesgemäß empfanden. Man zog sogar, wie schon bei Felice Bauer, Erkundigungen über ihren Leumund ein, der wohl nicht allzu positiv ausfiel und den Vater zu der Bemerkung veranlasste:

"Sie hat wahrscheinlich irgendeine ausgesuchte Bluse angezogen, wie das die Prager Jüdinnen verstehn, und daraufhin hast Du Dich natürlich entschlossen, sie zu heiraten. Und zwar möglichst rasch, in einer Woche, morgen, heute. Ich begreife Dich nicht, Du bist doch ein erwachsener Mensch, bist in der Stadt, und weißt Dir keinen andern Rat als gleich eine Beliebige zu heiraten. Gibt es da keine anderen Möglichkeiten? Wenn Du Dich davor fürchtest, werde ich selbst mit Dir hingehn."
Brief an den Vater

Diese Tirade des Vaters war der letzte Anlaß für Kafka einige Zeit später seinem berühmten "Brief an den Vater" zu schreiben. Die Beziehung zu Julie Wohryzeck ging aber nicht deshalb bald danach in die Brüche (im Juli 1920), sondern weil Kafka Opens internal link in current windowMilena Jesenska kennenlernte und sich in sie verliebte.

Die attraktive Julie Wohryzeck fand aber bald eine anderen Mann, Josef Werner, den sie im November 1921 auch heiratete. Sie lebte fortan in gutbürgerlichen Verhältnisse, da ihr Ehemann erst zum Prokuristen und später sogar zum Direktor einer Bank aufstieg. Obwohl Josef Werner kein Jude war, wurde seine Ehefrau nach Auschwitz deportiert und dort am 26.8.1944 umgebracht.


Felice Bauer « zurück | weiter » Milena Jesenska


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In dem aktuellen Roman von Unda Hörner wird die schwierige Liebesbeziehung zwischen Franz Kafka und Felice Bauer aus Sicht der Frau erzählt. Lesenswert.


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Das Buch von Alois Prinz erzählt das Leben Franz Kafkas leichtfüßig, aber kenntnisreich. Es eignet sich hervorragend für Kafka-Einsteiger und Schüler um in das Leben und die Welt des Autors einzutauchen.


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Monumentale und jeden Aspekt des Lebens darstellende Biographie. Dabei hervorragend lesbar, fern ab jeglichen germanistischen "Glasperlenspiels". Ähnlich wie bei Prinz, nur im XXL-Format, rückt bei Stach der Mensch Kafka und sein Lebensumfeld in den Mittelpunkt des Werks. Ein absolutes Muss für Literatur-Freunde.

In Kürze auch als limitierte Gesamtausgabe mit Zusatzband erhältlich.


Biographie und Textanalyse: Peter-André Alt "Franz Kafka - Der ewige Sohn"

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