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Franz Kafka und Felice Bauer

Erste Begegnung im Hause Brods

Als Franz Kafka am 13. August 1912 das Haus der Familie Brod in der damaligen Schalengasse betrat um - wie ursprünglich geplant - die Zusammenstellung der Stücke für seine erste Buchveröffentlichung "Betrachtung" mit seinem Freund Max zu besprechen, durfte er an diesem Abend einen Gast der Familie begrüßen, der bereits am Wohnzimmertisch Platz genommen hatte. Es war Felice Bauer, eine entfernte Verwandte aus Berlin, die sich auf Durchreise befand und in Prag eine Zwischenstation bei den Brods einlegte. Obwohl es ein angenehmer Abend wurde, wo man sich im Überschwang sogar eine Palästinareise für das kommende Jahr in die Hand versprach, urteilte Kafka im Tagebuch später wenig positiv von der Erscheinung Felices:

Als ich am 13. August zu Brod kam, saß sie bei Tische und kam mir doch wie ein Dienstmädchen vor. Ich war auch gar nicht neugierig darauf, wer sie war, sondern fand mich sofort mit ihr ab. Knochiges leeres Gesicht, das seine Leere offen trug. Freier Hals. Überworfene Bluse. Sah ganz häuslich angezogen aus, trotzdem sie es, wie sich später zeigte, gar nicht war.

Und weiter:

Fast zerbrochene Nase, blondes, etwas steifes, reizloses Haar, starkes Kinn. Während ich mich setzte, sah ich sie zum erstenmal genauer an, als ich saß, hatte ich schon ein unerschütterliches Urteil.

Diese sehr distanzierte und kalte Beschreibung von Frauen, die er gerade kennengelernt hat, taucht in Briefen an Max Brod oder im Tagebuch Kafkas noch öfters auf und stellen wohl ein Versuch des Abstandhaltens dar, um die eigene Erregung in den Griff zu bekommen. In dem er fast schon genüßlich die scheinbaren Makel beschreibt, versucht er - innerhalb der Schrift - Herr des Verfahrens und seiner Gefühle zu bleiben. Das "unerschütterliche Urteil" hält ihn aber nicht davon ab, noch am selben Abend die Mutter von Max Brod um die Adresse Felices zu bitten.



Exzessive Korrespondenz und erste Verlobung

Ungefähr fünf Wochen später schreibt er seinen ersten Brief an Felice nach Berlin. Es sollte der Auftakt einer exzessiven Korrespondenz werden, in dessen Hochphase nahezu jeden Tag geschrieben wurde, manchmal sogar mehrmals am Tag. Allein in den zwei Monaten von Ende Oktober bis Ende Dezember 1912 schrieb Kafka an die 90 Briefe. Am Ende waren es 667 überlieferte Briefe von Kafka. Leider fehlen auch hier die Antworten Felices: ihre Briefe hat Kafka nach Beendigung der Beziehung vernichtet.

Kafka knüpfte in seinem ersten Brief an die vereinbarte Palästinareise an, aber um die ging es schon bald nicht mehr. Der anfangs, vor allem von Felice zögerlich begonnene Briefwechsel, steigerte sich rasch. Kafka will bald alles wissen von Felices Alltag. Schnell wird der Ton so vertraulich, dass Kafka schon ab Mitte November die Briefe mit "Liebste" beginnt. Nachdem man sich im März des kommenden Jahres, also nach sieben Monaten, das erste Mal wieder persönlich in Berlin sah und im Mai noch ein weiteres Mal, bittet er sie, natürlich wieder per Brief, im Juni 1913 seine Frau zu werden. Kurios ist dabei nicht nur der Ablauf und die Form des Heiratsantrags, sondern auch wie Kafka ihn formuliert. So paradox es klingen mag: Kafka warnt in seinem Heiratsantrag gleichzeitig die Angebetete vor einer Ehe mit ihm. So schreibt er in dem selben Brief, in dem er um ihre Hand anhält und der vorher ein einziges Lamento um Gesundheit und Außenseitertum Kafkas zum Inhalt hat, nach ein paar Tagen Pause:

Nun bedenke, Felice, welche Veränderung durch eine Ehe mit ums vorginge, was jeder verlieren und jeder gewinnen würde. Ich würde meine meistens schreckliche Einsamkeit verlieren und Dich gewinnen, die ich über allen Menschen liebe. Du aber würdest Dein bisheriges Leben verlieren, in dein Du fast gänzlich zufrieden warst. Du würdest Berlin verlieren, das Bureau, das Dich freut, die Freundinnen, die kleinen Vergnügungen, die Aussicht, einen gesunden, lustigen, guten Mann zu heiraten, schöne, gesunde Kinder zu bekommen, nach denen Du Dich, wenn Du es nur überlegst, geradezu sehnst. Anstelle dieses gar nicht abzuschätzenden Verlustes würdest Du einen kranken, schwachen, ungeselligen, schweigsamen, traurigen, steifen, fast hoffnungslosen Menschen gewinnen, dessen vielleicht einzige Tugend darin besteht, dass er Dich liebt. Statt dass Du Dich für wirkliche Kinder opfern würdest, was Deiner Natur als der eines gesunden Mädchens entsprechen würde, müßtest Du Dich für diesen Menschen opfern, der kindlich, aber im schlimmsten Sinne kindlich ist und der vielleicht im günstigsten Fall buchstabenweise die menschliche Sprache von Dir lernen würde. Und in jeder Kleinigkeit würdest Du verlieren, in jeder.

Dass diese verwunderlichen Sätze nicht nur Ausdruck einer augenblicklichen Überforderung darstellen, beweisen auch die weitere Korrespondenz sowie die Tagebucheintragungen der Folgezeit. Kafka schickt Felice sogar einen an ihren Vater gerichteten Brief, worin er wieder ganz ausdrücklich vor sich selber warnt und den Vater geradezu bittet, der Heirat seiner Tochter nicht zuzustimmen. Die sicherlich vor den Kopf gestossene Braut, die den Antrag ja schon angenommen hatte, übergab diesen Brief aus gutem Grund nicht. Während bei Kafka Zweifel an der Ehe schon mit dem Antrag einsetzen, ist auch Felice, was nicht wunder nimmt, zunehmend skeptischer. Es kommt zu einer kurzzeitigen Unterbrechung des Briefwechsels und zur Kontaktaufnahme einer Freundin Felices, Grete Bloch, die in der verfahrenen Situation vermitteln soll. Nach einem persönlichen Treffen Grete Blochs mit Kafka in Prag, reist er Anfang November zu einer Aussprache nach Berlin. Die Situation bleibt aber auch danach schwierig, zumal Felice innerfamiliäre Probleme der eigenen Familie beschäftigen. So hat ihre Schwester Erna ein vor den Eltern verheimlichtes uneheliches Kind geboren und der Bruder, der mit der Tochter seines Chefs verlobt war, sah sich dem Vorwurf der Geldunterschlagung gegenüber seinem Schwiegervater in spe konfrontiert und musste im weiteren Verlauf sogar das Land verlassen. Diese familiären Dramen teilte Felice nicht mit Kafka, aber sie stellten eine Belastung dar. Grete Bloch sieht darum in einer Verlobung die einzige Möglichkeit alle Ungewißheiten zu beseitigen. Der Rat wird angenommen und so kommte es an Ostern 1914 zur offiziellen Verlobung der beiden, die dann im Zusammentreffen der beiden Familien an Pfingsten gemeinsam in Berlin gefeiert wird. Doch auch jetzt überkommen Kafka wieder große Zweifel, wie er seinem Tagebuch nach der Rückkehr aus Berlin anvertraut:

Aus Berlin zurück. War gebunden wie ein Verbrecher. Hätte man mich mit wirklichen Ketten in einen Winkel gesetzt und Gendarmen vor mich gestellt und mich nur auf diese Weise zuschauen lassen, es wäre nicht ärger gewesen. Und das war meine Verlobung, und alle bemühten sich, mich zum Lachen zu bringen, und da es nicht gelang, mich zu dulden, wie ich war.

Vor allem in den Briefen an Grete Bloch, deren Verhältnis zueinander zunehmend vertraulich wird, zeigt er offen seine Ablehnung und Skepsis gegenüber der geplanten Hochzeit mit Felice. Der Ton zwischen den beiden wurde zeitweilig so intim, dass später einige Biographen spekulierten, Kafka und Grete Bloch hätten ein kurzzeitiges Verhältnis gehabt und Kafka wäre auch der Vater ihres unehelichen Sohnes gewesen. Die Mehrzahl der Kafka-Biographen teilt diese Auffassung allerdings nicht und sieht auch keine ausreichenden Anhaltspunkte für diese Behauptung. Die zunehmend negativen Briefe Kafkas zur geplanten Hochzeit lassen Grete Bloch erkennen, dass diese Verlobung keinen Sinn macht. Sie übergibt darauf hin auch den entsprechenden Teil ihrer Korrespondenz mit Kafka an Felice Bauer. Am 12. Juli 1914 kommt es dann zu einer Zusammenkunft in Berlin, wo Kafka in Begleitung seines Freundes Ernst Weiß im Hotel Askanischen Hof auf Felice Bauer, Grete Bloch und der Schwester von Felice, Erna Bauer, treffen. Unter schweren Vorwürfen Felices, die Kafka nahezu schweigend über sich ergehen läßt, wird die Verlobung aufgelöst. Kafka beschreibt die Situation im Askanischen Hof später in seinem Tagebuch als "Gerichtshof im Hotel".

Wiederannäherung und erneute Heiratspläne

Einige Monate nach dem Ende der Verlobung nehmen Kafka und Felice wieder brieflichen Kontakt auf, wenn auch nicht im vergleichbaren Umfang wie in den Jahren zuvor. Da seit August 1914 der erste Weltkrieg tobte, war es für beide nicht mehr so einfach aufgrund der Zensur offen zu schreiben oder einander zu besuchen. Sie vereinbarten ein Treffen für den 23. und 24. Januar 1915 in Tetschen-Bodenbach, ein Grenzdorf an der deutsch-österreichischen Grenze. Sie kommen sich wieder näher und sprechen auch über die begangenen Fehler der Vergangenheit. Im Juli 1916 verbringt man noch gemeinsame Ferientage in Marienbad und beschließt nach Kriegsende zu heiraten. Kurz darauf berichten sie der Mutter Kafkas von ihrer erneuten Verlobung. Im Gegensatz zu der 1914 angedachten klassischen Lösung - Frau richtet sich in Beruf und Wohnort nach dem Mann -, plant das Paar nun, dass Kafka seine Stellung in Prag aufgibt und versuchen will in Berlin als freier Schriftsteller sein Auskommen zu finden, während Felice ihre gute Anstellung behält. Sie war inzwischen zur Prokuristin aufgestiegen.

Es gibt in den folgenden Monaten einige Lücken in der Korrespondenz, so dass man über die innere Verfasstheit der Beziehung nur spekulieren kann. Es besteht aber sicher kein Zweifel daran, dass Kafka es mit dem zweiten Anlauf ernst meinte. Der Ausbruch der Tuberkulose im August 1917 machte für Kafka alle Pläne zunichte. Er sah nun keine Möglichkeit mehr zu heiraten, was Felice nicht verstand, aber letztendlich akzeptieren musste. Es erfolgte die endgültige Trennung.



Buchempfehlungen zu Franz Kafka:

Aktuell: Unda Hörner "Kafka und Felice"

In dem aktuellen Roman von Unda Hörner wird die schwierige Liebesbeziehung zwischen Franz Kafka und Felice Bauer aus Sicht der Frau erzählt. Lesenswert.


Als Einstieg: Alois Prinz "Auf der Schwelle zum Glück: Die Lebensgeschichte des Franz Kafka"

Das Buch von Alois Prinz erzählt das Leben Franz Kafkas leichtfüßig, aber kenntnisreich. Es eignet sich hervorragend für Kafka-Einsteiger und Schüler um in das Leben und die Welt des Autors einzutauchen.


Biographie de luxe: Reiner Stach: Kafka (drei Bände)

Monumentale und jeden Aspekt des Lebens darstellende Biographie. Dabei hervorragend lesbar, fern ab jeglichen germanistischen "Glasperlenspiels". Ähnlich wie bei Prinz, nur im XXL-Format, rückt bei Stach der Mensch Kafka und sein Lebensumfeld in den Mittelpunkt des Werks. Ein absolutes Muss für Literatur-Freunde.

In Kürze auch als limitierte Gesamtausgabe mit Zusatzband erhältlich.


Biographie und Textanalyse: Peter-André Alt "Franz Kafka - Der ewige Sohn"

Sehr umfangreiches Werk, dass eine vorzügliche Analyse der wichtigsten Texte Kafkas im Kontext seiner Biographie und des gesellschaftlichen Umfelds liefert.



 
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