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Dora Diamant - Kafkas große Liebe

Kindheit und Jugend

Dora Diamant, Quelle und Copyright: Lask-Collection

Dora Diamant wurde am 4. März 1898 im polnischen Pabianice geboren, einer Kreisstadt südwestlich von Łódź. Der Familienname Diamant übrigens ist eine Eindeutschung der hebräischen Form "Dymant". Die deutsche Übersetzung ließ Dora bei ihrer Ankunft in Deutschland amtlich eintragen.

Ihr Vater, Herschel Diamant, war ein überzeugter Anhänger des Chassidismus und erfolgreicher Textilunternehmer. Die Mutter starb bereits sehr früh, das genaue Todesdatum ist allerdings nicht bekannt. Nach dem Tod der Mutter übernahm Dora eine Art Mutterrolle, da sie unter den fünf Geschwistern die älteste Tochter war.

Später zog die Familie nach Bedzin um, einen schlesischen Ort nahe der deutschen Grenze. Dora besuchte dort eine polnische Schule und schloss sich während des ersten Weltkriegs einer zionistischen Vereinigung an, in der sie erstmals mit ihrer lebenslangen Leidenschaft, dem Theater, in Berührung kam und bei einigen Aufführungen mitwirkte. Etwa zehn Jahre nach dem Tod der Mutter heiratete der Vater ein zweites Mal. Dora war nun schon 20 Jahre alt und wurde vom Vater in die Mädchenschule "Sarah Schirmer Beis Ya`acov" nach Krakau geschickt, um zu einer Lehrerin ausgebildet zu werden. Dora hielt es dort aber nicht lange aus und floh aus dem Internat. Der Vater spürte sie in Krakau auf und brachte sie wieder zurück. Doch bald danach riß sie ein weiteres Mal aus. Der Vater resignierte nun und unternahm nichts mehr um seine Tochter zu finden. Damit war auch der Bruch Doras mit ihrem konservativen Vater besiegelt. Nach ihrer erneuten Flucht war sie wiederum kurz in Breslau, siedelte aber 1920 nach Berlin um, wo sie kurzzeitig als Kinderfräulein bei Dr. Hermann Boldt, einem ranghohen jüdischen Beamten arbeitete und später als Näherin in einem Waisenhaus.



Begegnung in Müritz

Kafka fuhr mit seiner Schwester Elli und ihren beiden Kindern Felix und Gerti im Juli 1923 zu einem Erholungsurlaub an das Ostseebad Müritz. Während Elli und die Kinder auf direktem Wege dort hin fuhren, machte Kafka noch einen Abstecher nach Berlin um Max Brods Freundin Emmy Salveter zu besuchen. Als er in Müritz ankommt, stellt er zu seiner Überraschung fest, dass sich in der unmittelbaren Nähe seines Hotelzimmers ein zweigeschoßige Haus befand, das eine Ferienkolonie für arme und durch den Weltkrieg entwurzelte Kinder aus Berlin beherbergte und unter der Leitung des jüdischen Volksheims stand. Jenem Volksheim, dessen Werdegang er bereits seit Jahren von Prag aus mit großem Interesse verfolgte und in dem, auf seine Initiative hin, schon seine damalige Verlobte Felice Bauer in ihrer Freizeit aushalf.

Bald darauf lernte er die 16-jährige Tile Rössler kennen, die sich zur Erholung in dem Ferienlager aufhielt. Als angehende Buchhändlerin war Tile der Name Kafka bereits ein Begriff, da sie schon einmal sein Buch "Der Heizer" im Auslagenfenster der Buchhandlung ausstellte, wo sie ihre Lehre machte. Tile Rössler lud den Dichter auch bald in das Ferienlager ein, was dieser gerne annahm. In der Küche des Hauses kam es zur ersten Begegnung mit Dora Diamant, die im Ferienheim als Küchenleiterin arbeitete. Dora fiel der attraktive, schlanke und so jugendlich wirkende Mann schon vorher am Strand auf als er mit den beiden Kindern seiner Schwester ausgelassen spielte. Kafka wiederum war bald sehr angetan von Doras Wesen und ihrer Suche nach einer jüdischen Identität jenseits der konservativ-ultraorthodoxen Lebenswelt des Chassidismus, die ihr Vater repräsentierte und der Frauen so viele Verbote auferlegte. Bald verliebten die beiden sich ineinander und Kafka entschloß sich, trotz des fortgeschrittenem Stadiums seiner Tuberkulose-Erkrankung, zu einem Neuanfang mit ihr in Berlin.

Schlange vor Lebensmittelgeschäft in Berlin 1923, Von Bundesarchiv, Bild 146-1971-109-42 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, Wikimedia Commons

Das Leben in Berlin war in diesen Jahren noch geprägt von den schlimmen Folgen des ersten Weltkriegs. Die Versorgungslage war Ende 1923, also fünf Jahre nach Ende des Krieges, noch katastrophal. Unter den vielen Bettlern, die das Berliner Straßenbild an vielen Plätzen prägten, befand sich eine große Anzahl von Kriegsversehrte sowie alte Menschen, die ihren Platz in der Gesellschaft verloren hatten. Dazu kam noch eine galoppierende Inflation, die vor allem das kleine und mittlere Bürgertum empfindlich traf und seine Ersparnisse über Nacht wertlos machte. Millionen von Haushalten kämpften mit der Arbeitslosigkeit und um die schiere Existenz. Mütter verbrachten ganze Vormittage damit in nahezu unendlichen Menschenschlangen um ein Stück Brot beim Bäcker anzustehen. Hatte man noch Arbeit und bekam man nach Schicht sein Geld ausbezahlt, war es am anderen Morgen oft nur noch die Hälfte wert. Die Inflation nahm so groteske Ausmasse an, dass man auf seinem Höhepunkt mit Schubkarren voll Geld zum Einkaufen fuhr.

Auch Kafka war von dieser schlechten Wirtschaftslage betroffen. Zwar wurde seine Pension in tschechischen Kronen ausbezahlt, einer stabilen Währung, die gegenüber der Leitwährung Dollar ihren Wert behaupten konnte, aber da er befürchtete, dass seine immer noch vorläufige Pensionierung in Gefahr geraten könnte, wenn sein ehemaliger Arbeitgeber, die Unfallversicherungsanstalt in Prag, von seiner Umsiedlung nach Berlin erfahren würde, beließ man es bei der Überweisung auf ein Prager Konto. Auf das hatten die Eltern Zugriff, aber sie leiteten das Geld in Kafkas Augen zu zögerlich und in zu kleinen Tranchen nach Berlin weiter. So war auch bei Kafka immer das Geld knapp, zumal eine Pension von ca. 1000 Kronen auch in ruhigen Zeiten kaum zu einem anständigen Leben in einer Großstadt gereicht hätte.

Dennoch war er glücklich: glücklich über seine neuen Lebensumstände, glücklich im Zusammenleben mit Dora Diamant, die folgenden Gedanken Kafkas überlieferte:

Sich von Prag loszureißen - das war, obwohl es erst sehr spät geschah, die große Errungenschaft seines Lebens, ohne die er gleichsam kein Recht auf den Tod hatte.
Dora Diamant "Mein Leben mit Franz Kafka"

Obwohl sich die angemieteten Räumlichkeiten in einer schönen Lage befanden, musste das Pärchen schon nach zwei Monaten nach einer neuen Bleibe Ausschau halten, da sie oft in Streit mit der Vermieterin gerieten, die zudem bei jeder Gelegenheit die Miete anhob. Ein Portrait dieser Frau hat Kafka in der kurzen Erzählung "Eine kleine Frau" geschaffen.

So bezogen sie als Nächstes zwei Zimmer in die Grunewaldstraße 13, die sich im ersten Stock einer Villa befanden, die von einer Ärztin vermietet wurde. Die Wohnung war besser ausgestattet als die vorige und besaß schon eine Zentralheizung und elektrisches Licht. Doch konnte sich Kafka die Wohnung nicht lange leisten und so zog er im Februar 1924 ein weiteres Mal in eine billigere Unterkunft in Zehlendorf um, die von der Witwe eines Schriftstellers vermietet wurde. Kafka war inzwischen von seiner Krankheit so geschwächt, dass Dora die Umzüge alleine meistern musste. Da sich auch in der neuen Wohnung der gesundheitliche Zustand noch weiter verschlechterte und die Arztkosten stetig anstiegen, wurde die Lage prekär. Als auch noch Kafkas Onkel Dr. Siegfried Löwy, der von Max Brod über den körperlichen Verfall seines Neffen alarmiert wurde, vor Ort auf sofortige Abreise drängte, fügte sich Kafka schweren Herzens. Am 17. März 1924 verließ Kafka in Begleitung von Max Brod Berlin in Richtung Prag. Dora Diamant blieb noch zurück, weil Kafka seine Geliebte nicht der Gegenwart seiner Eltern aussetzen wollte. Das so wichtige Kapitel Berlin war damit beendet.



Die Geschichte mit der Puppe

Kafka ging in seiner ersten Zeit in Berlin öfter mit Dora im Steglitzer Park spazieren. Eines Tages trafen sie dort ein weinendes Mädchen, das seine Puppe verloren hatte. Kafka versuchte das aufgelöste Mädchen zu trösten und erfand aus dem Stegreif folgende Geschichte:

Deine Puppe macht nur gerade eine Reise, ich weiß es, sie hat mir einen Brief geschickt.
aus: Dora Diamant "Mein Leben mit Franz Kafka"

Da das Mädchen mißtrauisch blieb und den Brief sehen wollte, flunkerte Kafka, dass er ihn zu Hause habe, aber morgen mitbringen wolle. Daheim machte sich Kafka sogleich ans Werk und schrieb den Brief. Am anderen Tag kam er wieder zum vereinbarten Treffpunkt und las dem Mädchen, das selber noch nicht lesen konnte, den versprochenen Brief vor. Die Puppe erzählte darin von ihrem Wunsch nach Luftveränderung, dass es aber das kleine Mädchen noch sehr gern habe und jeden Tag schreiben wolle. Bald hatte das Mädchen den Verlust der geliebten Puppe überwunden und fieberte jeden Tag nach neuen Briefen, worin die Puppe von ihrem neuen Leben berichtete und immer neue Abenteuer zu bestehen hatte. Das ging wohl drei Wochen so. Irgendwann musste natürlich das Ganze ein Ende finden und das Kind auf den endgültigen Verzicht der Puppe vorbereitet werden. Kafka kam deshalb auf die Idee, die Puppe heiraten zu lassen. Das kleine Mädchen verstand natürlich, dass eine verheiratete Puppe ab jetzt ein eigenes Leben führen müsse und nicht mehr zurückkehren könne.

Man versuchte übrigens Jahrzehnte später das damalige kleine Mädchen aus dem Steglitzer Park ausfindig zu machen und schaltete hierzu mehrere Aufrufe in Berliner Zeitungen. Doch leider ohne Erfolg.

Die letzten gemeinsamen Monate

Das ehemalige Sanatorium des Dr. Hugo Hoffmann in Kierling, Kafkas Sterbehaus, Quelle: Clemens PFEIFFER, CC BY 3.0, Wikimedia

Nach Kafkas Rückkehr nach Prag suchte die Familie fieberhaft nach einem geeigneten Sanatoriumsplatz für den Schwerkranken um noch zu retten, was zu retten ist. Das erst ins Auge gefasste Davos musste wieder verworfen werden, da man für die Schweiz keine Einreiseerlaubnis erhielt. Schließlich fand man einen Platz im Sanatorium "Wiener Wald". Die Lungenheilanstalt lag in Pernitz, einer kleinen Marktgemeinde in Niederösterreich, ca. 70 km von Wien entfernt. Dort stellte man in einer Untersuchung fest, dass die Tuberkulose bereits auf den Kehlkopf übergegriffen hatte und man dafür nicht ausgerüstet sei. Man überstellte ihn darum in die Universitätsklinik nach Wien, wo Prof. Hayek, ein ausgewiesener Spezialist für Lungenkrankheiten, tätig war. Gegen den Protest des Arztes verließen Kafka und Dora diese Klinik aber bald wieder um in das medizinisch allenfalls mittelmäßige, aber vom Ambiente weitaus ansprechendere Sanatorium des Dr. Hugo Hoffmann in Kierling überzuwechseln, wo auch für Dora ein Zimmer bereit stand und der erlaubt war sich Tag und Nacht um ihren todkranken Geliebten zu kümmern. Diese Freizügigkeit im Umgang mit Verwandten und Freunden war das genaue Gegenteil der strengen Reglementierungen in der Universitätsklinik, die Besuche nur für zwei Stunden am Tag gestattete.

Mit dem Übergreifen der Tuberkulose auf den Kehlkopf fiel Kafka das Sprechen und Essen immer schwerer. Die Lage wurde zunehmend aussichtslos, zumal zwei weitere Spezialisisten in ihren Untersuchungen Anfang Mai 1924 die Lebenserwartung Kafkas auf allenfalls drei Monate taxierten. Kafka hat in diesen Wochen Dora noch einen Heiratsantrag gemacht. Er schrieb hierzu sogar Doras Vater einen Brief um dessen Einverständnis einzuholen. Nach langem Schweigen kam die Rückantwort des Vaters, in der er in freundlichen, aber bestimmten Worten erklärte, warum er der Heirat nicht zustimmen könne.

In den letzten Wochen, die dem Paar noch blieb, stand Dora Kafkas Freund Robert Klopstock zur Seite, der aus Prag angereist kam. Klopstock litt selber an einer leichteren Form der Tuberkulose und musste deshalb sein Medizinstudium unterbrechen. Man kümmerte sich von nun ab entweder abwechselnd, aber auch gemeinsam um den kranken Freund, der in der Zwischenzeit in der Hauptsache nur noch über Notizen auf kleinen Zetteln mit seiner Umwelt kommunizieren konnte.

Um vier Uhr morgens des 3. Juni eilte Dora, die in der Nacht Wache am Bett Kafkas gehalten hatte, in das Zimmer von Robert Klopstock und meldete ihm, dass Kafka nur mehr sehr schwer atme. Er eilte mit ihr zusammen in das Krankenzimmer und erkannte sogleich die kritische Lage, in der sich Kafka befand. Nachdem einige medizinische Eingriffe des herbeieilenden Arztes keine Besserung brachten, schickte man Dora auf das Postamt um einige Briefe aufzugeben. Sie sollte nicht mitbekommen, dass es zwischen Kafka und Klopstock eine Vereinbarung gab. Nur widerwillig entfernte sie sich aus dem Krankenzimmer. Kafka hatte schon vor einiger Zeit mit seinem Freund besprochen eine Sterbehilfe zu erhalten, wenn es soweit ist. Diese forderte Kafka nun ein. Es soll sogar zu einem kurzen Streit der beiden Freunde gekommen sein, weil Kafka Klopstock verdächtigte nicht genug Morphium zu spritzen. So soll er ihm noch zugeflüstert haben:

Töten Sie mich, sonst sind Sie ein Mörder.

Kurz danach starb Kafka, so zumindest nach dem Bericht von Max Brod, der hierzu später Klopstock befragte. Es gibt aber noch eine etwas andere Fassung der letzten Minuten, die Willy Haas im Jahre 1953 im Tagesspiegel publiziert hat, der ungefähr 20 Jahre nach dem Tod Kafkas eine Krankenschwester aus dem Sanatorium interviewt hat, die an diesem Tag auch im Zimmer anwesend war. Laut ihrem Bericht war Kafka nach der Morphium-Injektion schon in den Schlaf gesunken als er plötzlich wieder aufwachte und nach Dora verlangte. Man schickte ein Stubenmädchen hinterher, die Dora schnell fand, da die Post nicht weit entfernt lag. Atemlos kam sie mit einem Strauß Blumen in der Hand an das Bett geeilt und hielt dem scheinbar Bewußtlosen die Blumen vor das Gesicht:

"Franz, sieh mal die schönen Blumen, rieche mal!" flüsterte Dora. "Da richtete sich der Sterbende, der schon entrückt schien, noch einmal auf, und er roch an den Blumen. Es war unfaßbar. Und noch unfaßbarer war es, daß sich das linke Auge wieder öffnete und lebendig wirkte. Er hatte so wunderbar strahlende Augen, und sein Lächeln war so vielsagend, und Hände und Augen waren beredt, als er nicht mehr sprechen konnte."
Willy Haas "Die letzten Tage"

Dora Diamants weiterer Weg

Nach der Beerdigung (siehe auch: Opens internal link in current windowFranz Kafkas Grab) blieb Dora Diamant noch zwei Monate im Hause der Eltern Kafkas. Danach kehrte sie nach Berlin zurück und versuchte dort vergeblich in eine Schauspielschule aufgenommen zu werden. Das gelang 1926 in Düsseldorf, wo sie an die Theaterakademie des Düsseldorfer Schauspielhauses angenommen wurde. In dieser Zeit änderte sie die Schreibweise ihres Namens in Dymant, den sie bis zu ihrem Tode so beibehielt. Im Jahre 1928 erhielt sie am Rheinischen Landestheater in Neuss ein Engagement für eine Saison. Danach kehrt sie wieder nach Berlin zurück und suchte verzweifelt Arbeit. Im politisch immer unruhiger werdenden Berlin tritt sie der kommunistischen Partei bei, ist aber dort vor allem im kulturellen Bereich tätig. Sie engagiert sich bei Agitprop-Gruppen und gibt Schauspielunterricht. Bei einer Schulung lernt sie im Februar 1931 ihren späteren Mann, Lutz Lask, kennen, einen ruhigen und gebildeten Mann, der erst Jura und dann Volkswirtschaft studiert hat und dessen Mutter, Berta Lask, eine bekannte Theaterautorin war.  Am 30. Juni 1932 heirateten die beiden standesamtlich.

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 wurde die persönliche Lage der Familie Lask, wo Lutz Lask, seine Mutter und Dora der kommunistischen Partei angehörten, während der Vater, der bekannte Hirnforscher und Neurologe Dr. Louis Jacobsohn, den Sozialdemokraten nahe stand, von Tag zu Tag bedrohlicher. Die Familie trug erst den Doppelnamen Jacobsohn-Lask, der aber später für die vier Kinder auf "Lask" verkürzt wurde (siehe auch: Kathi Diamant "Dora Diamant. Kafkas letzte Liebe", S. 219). Bald nach der Machtübernahme wurde das Haus der Lasks durchsucht, dabei wurden aus Doras Zimmer sämtliche Papiere konfisziert, darunter auch die gesamte Korrespondenz mit Kafka und einige Notizbücher. Doras Verzweiflung wog um so schwerer, weil sie Max Brod die Existenz dieser Dokumente verheimlicht hatte. Sie brauchte nun aber seine Hilfe, sollte noch eine Chance bestehen, die wertvollen Schriftstücke wieder zu bekommen. So schrieb sie ihm von dem Verlust der verheimlichten Unterlagen. Max Brod bemühte sich auch sogleich über Kontakte an das konfiszierte Material zu gelangen, aber sämtliche Anstrengungen waren vergeblich. Die Briefe und Aufzeichnungen sind bis zum heutigen Tag verschwunden geblieben.

Im Sommer 1933 hielten sich Dora und Lutz Lask noch in ständig wechselnden Wohnsitzen in Berlin auf. Erschwerend kam noch hinzu, dass Dora schwanger wurde und am 1. März 1934 eine Tochter in Nazi-Deutschland zur Welt brachte. Die Familie beantragte Asyl für die Sowjetunion, wohin sie auch alle bis Februar 1936 auswanderten. Im vermeintlichen Bauern- und Arbeiterparadies verdunkelte sich die Situation aber schnell. Allenthalben Bespitzelungen, Verdächtigungen und Hinrichtungen vermeintlicher konterrevolutionärer Elemente waren an der Tagesordnung. Auch Dora geriet bald in das Visier des Zentralkommittes und ließ sich wohl aus Gutgläubigkeit zu unbedachten Äußerungen gegenüber einer Bekannten aus Berliner Zeiten hinreißen. Die Lage spitzte sich dramatisch zu als ihr Mann eines Tages verhaftet und wegen Spionage angeklagt wurde. Er wurde zu Zwangsarbeit in Sibirien verurteilt und sollte Dora nicht mehr wiedersehen. Er durfte erst 1953, ein Jahr nach dem Tod Doras die Sowjetunion verlassen.

Als sollte das alles noch nicht reichen, wurde bei der Tochter Marianne ein chronischer Leberschaden festgestellt, der aufgrund der unzureichenden medizinischen Versorgung in der Sowjetunion nicht geheilt werden konnte. Marianne brauchte darum dringend Hilfe von Fachärzten und spezielle Medikamente, wenn sie gesund werden sollte. So entschloß sich Dora zur Flucht aus der Sowjetunion im März 1938. Man weiß bis heute nicht, wie ihr das, zusammen mit dem schwer kranken Kind, gelungen ist. Sie sprach auch später nie davon.

Über verschiedene Umwege landete sie schließlich mit ihrer Tochter in England, wurde dort aber nach Ausbruch des zweiten Weltkrieges, wie die meisten deutschen Flüchtlinge als "Enemy Alien", als feindlich zu erachtender Fremder, von den britischen Behörden eingestuft. So wurden Mutter und Tochter auf einer irischen Insel mit Namen "Isle of Man" interniert. Nach dem Krieg lebte sie unter schwierigen Bedingungen in London, nahm verschiedene Jobs an und engagierte sich in den Jahren bis zu ihrem Tod stark für die jiddische Kultur. 1951 wurde auch bei ihr ein Leberschaden festgestellt, der aber im Gegensatz zu ihrer Tochter, irreversibel war und an dem sie am 15. August 1952 starb.

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Milena Jesenska « zurück


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