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Jizchak Löwy

Kindheit in Warschau

Portrait von Jizchak Löwy
Jizchak Löwy, Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Stroemfeld Verlags.

Jizchak Löwy wurde in einem Vorort von Warschau geboren. Sein genaues Geburtsdatum ist nicht bekannt, aber man geht aufgrund von aufbewahrten Meldezetteln der Wiener und Prager Polizei davon aus, dass er  im Jahre 1882 geboren wurde (und nicht im Jahre 1887, wie zumeist angegeben). Viele Informationen zu seinen frühen Jahren stammen übrigens aus Aufzeichnungen Franz Kafkas und aus einigen wenigen Artikeln, die Löwy in den dreissiger Jahren in jüdischen Zeitungen veröffentlicht hat.

Die chassidische Familie Löwy war wohlhabend und kinderreich. Die strenge Einhaltung religiöser Regeln galt als eine Selbstverständlichkeit. Jizchak lernte als Erstgeborener darum auch schon früh Hebräisch und sollte das Leben eines Talmudisten führen. In diesem gläubigen Umfeld osteuropäischer Juden lernte Löwy all die Anekdoten und Geschichten, aber auch die hebräischen Traditionen und Rituale kennen, die ihn ein Leben lang prägen sollten. So schrieb er über die frühen Jahre:

Bis zum Alter von dreizehn Jahren war ich sehr fromm, ich beachtete gewissenhaft sogar die unbedeutendste Vorschrift, glaubte an den chassidischen Lehrmeister wie an Gott selbst - ich war kein Junge wie die von heute, ich war ein kleiner Jude mit einer Bürde an Geboten und moralischen Pflichten.

Doch dieses auf Kontemplation und Studieren ausgelegte Leben empfand der Junge immer mehr als ein Korsett, dass ihn einengte. Er begann sich für das Theater und die Oper zu begeistern, las Shakespeare, Schiller oder Lord Byron, aber auch Philosophen wie Spinoza. Auch fühlte er sich bald zum Sozialismus und Zionismus hingezogen. Aber über allem stand seine große Liebe zum jiddischen Theater, "war doch hier alles beisammen, Drama, Tragödie, Gesang, Komödie, alles beisammen, das Leben", wie er es später einmal notierte.



Erste Anfänge als Schauspieler

Im Jahre 1904 brach Löwy nach Paris auf. Nachdem seine letzten Ersparnisse aufgebraucht waren, arbeitete er schwarz in einer Pariser Hutfabrik. Er war keine leichte Zeit für ihn. In Paris fühlte er sich einsam und stieß auch auf Ablehnung, Gefühle die er von seiner behüteten Kindheit her nicht kannte und ihn noch oft begleiten sollten. Sein Leben pendelte immer zwischen der Erinnerung an eine ihn behütende, gleichwohl einengende Gemeinschaft des Ostjudentums und seinem jetzigen Leben als Künstler, wo er zwar frei, aber auch ohne Rückhalt lebte. Immer wieder verfiel er in depressive Stimmungen, die ihn manchmal für Wochen regelrecht paralysierten.

Im folgenden Jahr trat er das erste Mal als Laien-Schauspieler in dem Einakter "Der Bär" von Tschechow auf und im Jahr 1906 schloss er sich einer Theatergruppe von Mania Triling und Hermann Bermann an. Das war der Beginn seiner professionellen Schauspielkarriere. In den folgenden Jahren sammelte Löwy in weiteren Theatergruppen Erfahrungen und besuchte auch die Schauspielschule von Felix Hollaender, dem Onkel des später in der Weimarer Republik populär gewordenen Revue- und Tonfilmkomponisten Friedrich Hollaender. 

Die Freundschaft mit Kafka und Brod

Im Oktober 1911 gastierte eine Lemberger Schauspieltruppe im Cafe Savoy, das in der damaligen Ziegengasse lag. Wann genau Jizchak Löwy sich der Theatergruppe anschloss, ist nicht bekannt. Das Cafe lag nördlich vom Alstädter Ring, war umgeben von Spelunken und Bordellen und selber alles andere als eine feine Adresse. Der Wirt wurde gerne mal handgreiflich und an der Tür stand ein stadtbekannter Zuhälter. Max Brod kannte die Theatertruppe bereits und war auch mit Löwy schon persönlich bekannt, als er am 5. Oktober 1911 Franz Kafka zu einer Aufführung mitnahm. Kafka war sofort begeistert von der Ursprünglichkeit einer jüdischen Identität, die er in den Aufführungen erkannte und versäumte in der Folgezeit kaum eine Vorstellung.

Besonders angetan zeigten sich Brod und Kafka auch von der unnachahmlichen Gestik und Bühnenpräsenz Löwys, der zum Star der Gruppe avancierte. Während Brod in einem Zeitungsartikel Löwy für die größten Bühnen prädestiniert sah, portraitierte Kafka seine Schauspielkunst im Tagebuch:

Löwy verkrampft beim Recitieren die Haut der Stirn und der Nasenwurzel, wie man nur Hände verkrampfen zu können glaubt. Bei den ergreifendsten Stellen die er einem nahebringen will, nähert er sich uns selbst oder besser er vergrößert sich, indem er seinen Anblick klarer macht. Nur ein wenig tritt er vor, hält die Augen aufgerissen, zupft mit der abwesenden linken Hand am Schlußrock und hält die rechte offen und groß uns hin. Auch sollen wir, wenn wir schon nicht ergriffen sind, seine Ergriffenheit anerkennen und ihm die Möglichkeit des beschriebenen Unglücks erklären.

In der Folgezeit freundeten sich Jizchak Löwy und Kafka an. Sie trafen sich öfters und Kafka zeigte sich von der Erzählkunst Löwys beeindruckt, der ihm viel aus seiner eigenen Vergangenheit und dem Leben der Ostjuden generell vermittelte. Während dieser Zusammenkünfte lasen sie auch Texte wichtiger jiddischer Dichter, die Kafka bis dahin nicht kannte und deren Motive zum Teil später Eingang in sein Werk fanden. Kafka wiederum sorgte dafür, dass Löwy am 18. Dezember 1912 einen Rezitationsabend im Festsaal des jüdischen Rathauses halten konnte. Dieser Abend war von großer Bedeutung, da Löwy hier erstmals nicht als Schauspieler, sondern als Interpret literarischer Texte auftrat, was in den folgenden Jahren immer mehr ins Zentrum seiner Bühnenauftritte rücken sollte. Neben der Organisation des Abends sprach Kafka auch die Einführung zu Beginn der Veranstaltung. Dieser Text wurde nach Kafkas Tod unter dem Titel "Einleitungsvortrag über den Jargon" veröffentlicht. Die Veranstaltung verbuchten beide als vollen Erfolg, allerdings waren die Einnahmen aufgrund vieler leer gebliebener Plätze so gering, dass sich Löwy davon noch nicht mal eine Rückfahrkarte nach Warschau leisten konnte und deshalb um eine zusätzliche Vergütung seiner Auslagen beim Veranstalter bitten musste.

Die anfangs intensive Freundschaft zwischen Löwy und Kafka kühlte im Verlauf der nächsten Monate wieder ab und beschränkte sich in späteren Jahren auf wenige Briefe, die man sich nur noch unregelmäßig schrieb. Zwar bezeichnete Kafka Löwy im Tagebuch als "einen unentbehrlichen Freund", doch stellte Löwys temperamentvolles und zeitweilig sehr vereinnahmendes Wesen, aber auch seine wechselnden Stimmungen für Kafka immer auch ein Problem dar. Im Jahre 1917 gab es ein letztes, wohl zufälliges Aufeinandertreffen in Budapest, als Kafka, der sich auf der Rückfahrt von ein paar gemeinsam verbrachten Tagen mit Felice Bauer nach Prag befand, in der Stadt einen Zwischenaufenthalt einlegte.

Der erste Weltkrieg und die Zwischenkriegszeit

Nach seiner Rückkehr nach Warschau überwarf sich Löwy mit der Lemberger Schauspieltruppe. Das Verhältnis zu der Gruppe war zwar immer schon spannungsgeladen, aber Anfang 1913 kam es zum endgültigen Bruch, da Löwy ein anspruchsvolleres Programm auf die Bühne bringen wollte, seine Vorstellungen aber keinen Anklang fanden. Doch die Gründung einer eigenen Theatergruppe brachte keinen Erfolg und so musste er das Ensemble bald wieder auflösen. Die finanziellen Verhältnisse Löwys waren nie einfach, aber nun spitzte sich die Lage zu, wie Briefe an Kafka und Erwähnungen Kafkas in Briefen an andere zeigen. Kafka vermittelte ihm darauf hin noch einmal einen Auftritt im Hotel Bristol in Prag, der am 2. Juni 1913 stattfand. Danach folgten weitere Engagements in Karlsbad und Wien, ohne dass sich an der prekären Geldknappheit grundlegend etwas änderte.

Besserung der finanziellen und künstlerischen Situation trat erst in den Jahren des Ersten Weltkriegs ein, als der Mime in Budapest lebte und dort in deutschsprachigen Theatern auftrat. In dieser Zeit nahm er auch den Namen Jacques Levi an, der seine jüdischen Wurzeln im Nachnamen mit einem Vornamen verband, der Modernität und Kosmopolitismus ausstrahlen sollte. 

Im Jahre 1919 ging Löwy wieder nach Warschau zurück und spielte Anfang der 20er Jahre dort in verschiedenen Theatergruppen. 1924 gründete er mit dem Theateratelier "Habima" das erste hebräisch sprechende Theater in Warschau. Ab Mitte der 20er Jahre tritt er aber vorwiegend in Lesungen und mit Wortvorträgen auf. Auch publiziert Löwy immer wieder Artikel, vor allem in der 1926 gegründeten jüdischen Zeitschrift "Unzer express", die eine der wichtigsten Tageszeitungen in Warschau zwischen den Weltkriegen war. Mit dem Heraufziehen des Faschismus und der stalinistischen Diktatur wurde der Ton in seinen Artikeln immer ahnungsvoller und düsterer. Sein letzter Artikel dort datierte vom 28. August 1939, die Zeitschrift selber stellte nach dem Einmarsch der deutschen Truppen sein Erscheinen am 5. November 1939 ein.

Die letzten Jahre im Warschauer Ghetto

Aufnahme vom Warschauer Ghetto
Ein Kind liegt auf einem Gehsteig im Ghetto. Aufnahme durch den Angehörigen der Propagandakompanie 689 Zermin, Mai 1941

Nach dem Überfall und Besetzung Polens durch deutsche Truppen mussten alle Juden innerhalb von sechs Wochen in ein westliches Stadtteilgebiet von Warschau umziehen, das erst als Sammellager diente und ab November 1940 als das sog. "Warschauer Ghetto" von den Deutschen durch eine 18 Kilometer lange und 3 Meter hohe Mauer abgeriegelt wurde (siehe auch den Öffnet externen Link in neuem FensterWikipedia-Eintrag dazu). Unter den Gefangenen befand sich auch Jizchak Löwy.

Die schlimmen Verhältnisse im "Ghetto" hielten die Bewohner nicht ab ein beeindruckendes Kultur- und Theaterleben auf die Beine zu stellen um den Menschen etwas Freude in einem Alltag zu schenken, der von Entwürdigung, Deportationen und Tod geprägt war. Mehr als 250 Künstler lebten im "Ghetto" und viele von ihnen nahmen an den 1814 Aufführungen teil, die allein zwischen September 1940 und Oktober 1941 gezählt wurden. Jizchak Löwy trat mehrmals in dieser Zeit auf. Am 8. Juli 1942 fand sogar ein künstlerisch literarischer Abend statt, der ihm zu Ehren abgehalten wurde. Es war die vorletzte Veranstaltung dieser Art und gleichzeitig auch sein letzter Auftritt. Kurze Zeit darauf wurde er zusammen mit seinen Eltern nach Treblinka deportiert. Da er sich der Verhaftung widersetzte, schlug man ihn brutal zusammen. Nach einer späteren Erinnerung von Jonas Turkow, einem der wenigen Überlebenden, soll er selbst auf dem Waggon noch flehentlich seinen Namen gerufen haben, in der Hoffnung erkannt und doch noch verschont zu werden. Laut den Akten von Yad Vashem, der Internationalen Holocaust Gedenkstätte, kamen neben Löwy selber, Vater, Mutter und die Geschwister Jizchak, Eliahu Levi, Bluma, Rakhel, Khana und Lea ums Leben.



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