Das Werden eines Autors

Studium (1901-1906)

1901

September: Nach dem Wechsel von einer tschechischsprachigen auf eine deutschsprachige Volksschule verschlechtern sich Ottlas schulische Leistungen.

Anfang Oktober: Immatrikulation an der Deutschen Karls-Universität. Nach einigen Wochen am chemischen Institut, wechselt Kafka Ende Oktober zur juristischen Fakultät, wo er dann auch bleibt. Er hat insgesamt 25 Wochenstunden zu absolvieren. Zudem wird er Mitglied der "Lese- und Redehalle der deutschen Studenten in Prag", einer eher liberal ausgerichteten Studentenverbindung. Siehe auch:
Das Studium

Die Lese- und Redehalle

1902

Frühjahr / Sommersemester: Belegt im 2. Semester keine Kurse und Vorlesungen im Fach Jura, nimmt stattdessen an Vorlesungen und Übungen zur Germanistik und Kunstgeschichte teil. Hört dabei auch Vorlesungen des deutsch-nationalen August Sauer, die ihn in einem Brief an seinen Freund Oskar Pollak zu einer so heftigen Polemik veranlassten, dass sein Nachlaßverwalter und Freund Max Brod die entsprechende Passage unwiederbringlich löschte. 

Anfang Oktober: Beginn des 3. Semesters, wieder an der juristischen Fakultät.

Ende Oktober: Plant gemeinsam mit Paul Kisch (dem ältesten Bruder von Egon Erwin Kisch) eine Fortsetzung des Germanistik-Studiums in München. Der ehemalige Klassenkamerad Emil Utitz studierte dort bereits. Obwohl er am 13. Oktober einen Reisepass beantragt, den er vier Tage später auch ausgehändigt bekommt, reist er nicht nach München und setzt - nun endgültig - sein Jura-Studium in Prag fort. Auch Max Brod und Felix Weltsch schreiben sich in der juristischen Fakultät ein. Beide werden auch Mitglieder der "Lese- und Redehalle" und nehmen, wie Kafka, vor allem an den Sitzungen der  "Abteilung für Literatur und Kunst" teil. 

23. Oktober: Lernt Max Brod in der "Lese- und Redehalle der deutschen Studenten" kennen, als er ihm in Anschluß eines Vortrags Brods zu Schopenhauer ansprach. Siehe auch:
Max Brod - Der lebenslange Freund

Die Lese- und Redehalle Deutscher Studenten

9. Dezember: Oskar Pollak, der auch Mitlglied der "Halle" ist, hält einen Vortrag über "Ästhetische Kunst" am Beispiel Japan. Kafka, der wie viele Kunstinteressierte dieser Zeit, stark beeindruckt ist von der japanischen Ästhetik der Konzentration und Verknappung im Stil (eine indirekte Adaption dieser Strömung kann man in seinen Strichzeichnungen erkennen), kündigt sogar einen eigenen Vortrag zu dem Thema an, den er aber aus unbekannten Gründen nicht halten wird.

20. Dezember: Brief an Oskar Pollak, der den frühesten literarischen Text Kafkas enthält: Die Geschichte vom schamhaften Langen und vom Unredlichen in seinem Herzen. Der später oft zitierte Anfang des Briefes rekurriert nicht zuletzt auf die ausgelassene Möglichkeit nach München zu gehen um dort das germanistische Studium fort zu setzen: "Prag läßt nicht los. Uns beide nicht. Dieses Mütterchen hat Krallen. Da muß man sich fügen oder -. An zwei Seiten müssten wir es anzünden, am Vyšehrad und am Hradschin, dann wäre es möglich, daß wir loskommen."

1903

Anfang 1903: Besucht eher unregelmäßig bis Anfang 1906 die 14-tägig stattfindenden Zusammenkünfte des Brentano-Kreises. Meistens trifft man sich im Cafe Louvre, aber auch im Salon der kunstinteressierten Apothekers-Gattin Berta Fanta. In der Zeit intensiviert sich der Kontakt zu Felix Weltsch, der auch an den Treffen teilnimmt, ebenso wie Oskar Pollak (der Kafka einführt), Hugo Bergmann, Max Brod und Emil Utitz. Siehe auch:
Cafe Louvre

Der Salon der Berta Fanta

15. Juni: Onkel Alfred Löwy kommt für vier Tage aus Madrid zu Besuch in Prag.

Juli: Kafka hat wohl sein erstes sexuelles Erlebnis mit einem Ladenmädchen, das in der Nähe seines Zuhauses arbeitet.

18. Juli: Kafka besteht die rechtshistorische Staatsprüfung, eine Art Zwischenprüfung, "mit gutem Erfolg". Siehe auch:
Das Studium

Juli - August: Verbringt mit den Eltern den Sommerurlaub in der südböhmischen Gemeinde Zálezly (Salesl), die er für einige Tage Aufenthalt in einem Dresdner Naturheilsanatorium unterbricht.

6. September: Kündigt in einem Brief an Pollak ein "Bündel" aller Schriften an, die er bisher geschrieben hat.

November: Beginn des 5. Semesters.

8. November: Liest Fechner und Meister Eckehart und schreibt dazu in einem Brief an Pollak: "Manches Buch wirkt wie ein Schlüssel zu fremden Sälen des eigenen Schlosses."

Um den 24. November bis 5. Dezember: Reist nach München um sich über das dortige Germanistikstudium zu informieren. Er steigt hierzu in der Pension Lorenz in der Sophienstr. 15 ab, die direkt am Alten Botanischen Garten lag.

1904

Januar: Liest die Selbstbetrachtungen des Marc Aurel. Ebenso Hebbels Tagebücher "in einem Zug" und schreibt hierzu an Pollak (Brief vom 27.01.):  "Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch? [...] Wir brauchen aber die Bücher, die auf uns wirken wie ein Unglück, das uns sehr schmerzt, wie der Tod eines, den wir lieber hatten als uns, wie wenn wir in Wälder verstoßen würden, von allen Menschen weg, wie ein Selbstmord, ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns."

Anfang April: Beginn des 6. Semesters. Kafka wird zudem Literaturberichterstatter in der "Lese- und Redehalle".

Mai: Verlobung des ehemaligen Mitschülers Hugo Bergmann mit Else Fanta, der Tochter Berta Fantas.

15. Mai: Eröffnung des Cafe Louvres, siehe auch:
Cafe Louvre

August: Kafka wird nicht mehr als Mitglied der "Lese- und Redehalle" geführt.

Ende August: In einem Brief an Max Brod vom 28. August finden sich Formulierungen und Passagen wieder, die in ähnlicher Form im Frühwerk "Beschreibung eines Kampfes" auftauchen, an dem Kafka im Sommer und Herbst arbeitete.

Herbst: Max Brod macht Kafka mit dem blinden Schriftsteller, Musikkritiker und Klavierlehrer Oskar Baum bekannt. Siehe auch:
Oskar Baum - Musikkritiker und Schriftsteller

Anfrang Oktober: Beginn des 7. Semesters.

1905

Anfang April: Beginn des 8. Semesters.

3.  - 27. August: Urlaub in einem Sanatorium im schlesischen Zlaté Hory (bis 1948: Cukmantl, dt. Zuckmantel), vermutlich wegen Nervosität und Schlaflosigkeit. Beginnt dort eine intensive Liebesbeziehung zu einer Frau, über die er später schreibt: "Ich war noch niemals außer in Zuckmantel mit einer Frau vertraut." (Tagebucheintrag vom 6. Juli 1916)

Ab September: Schreibt an Fassung A der "Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande".

13. September: Der ehemalige Klassenkamerad und Schulfreund Camill Gibian begeht aus Liebeskummer Selbstmord.

Anfang Oktober: Beginn des 9. Semesters, in dem Kafka aber keine Kurse mehr belegt. Er bereitet sich auf das Examen vor.

Oktober: Kafka, Brod und Weltsch verlassen den Brentano-Kreis, nachdem es zu Unstimmigkeiten kam: Max Brod verfasste eine ironische Schilderung des Kreises, der für Unmut unter den Mitgliedern sorgte.

24. Oktober: Großdemonstration in Prag für das allgemeine Wahlrecht.

7.  und 23. November: Besteht Rigorosum II und die judizielle Staatsprüfung mit "genügendem Erfolg". Siehe auch:
Das Studium

18. Dezember: Hugo Bergmann wird zum Doktor der Philosophie promoviert.

Vermutlich Dezember 1905 - Herbst 1906: Kafka und Brod abonnieren gemeinsam die von Franz Blei in München herausgegebene Zeitschrift "Der Amethyst. Blätter für seltsame Literatur und Kunst".

1906

Kafka muss erneut zur Musterung und wird zum 3. Mal freigestellt.

Februar: Kafka ist im Prüfungsstreß und beklagt sich über seinen früh gewählten Prüfungstermin. Hat Angst, dass die Zeit nicht mehr reicht.

16. März: Kafka besteht das Rigorosum III mit "genügendem Erfolg". Unter den Prüfern sitzt auch Alfred Weber, der Bruder von Max Weber. Gesteht Brod am Tag danach, dass ihn seine Zettelchen, die Brod während der Vorlesungen Webers verfasste, die Prüfung retteten.

13. Juni: Kafka absolviert auch das Rigorosum I mit "genügendem Erfolg".

18. Juni: In einem feierlichen Festakt wird Kafka von Alfred Weber in der Aula des Karolinums promoviert.

23. Juli - 29. August: Erneuter Urlaub im Sanatorium in Zlaté Hory (Zuckmantel). Trifft dort vermutlich seine letztjährige Geliebte wieder.

Um den 19. September: Beantragt bei der Polizeidirektion in Prag ein "Wohlverhaltungszeugnis", was dem heutigen Führungszeugnis entspricht und er für eine mögliche Anstellung im Staatsdienst benötigt.

1. Oktober - 30. September 1907: Beginn des für einen möglichen Staatsdienst obligatorischen gerichtspraktischen Jahres. Diesen (unbezahlten) Dienst absolvierte er erst am Kreiszivil- und Kreisstrafgericht und ab März 1907 am Prager Landesgericht.