Berufliche Etablierung und erste Veröffentlichungen

1907 - 1910

1907

In Prag wird das erste Kino eröffnet. Siehe auch:
Das Lucerna

Kafka geht in diesen Jahren häufiger in Nachtlokale. Vor allem mit Max Brod besucht er Etablissements wie "Eldorado", "Lucerna", "London" oder "Trocadero".

Gemeinsam lesen die beiden Freunde die Werke Flauberts in französischer Sprache.

Oskar Pollak promoviert in Kunstgeschichte.

11. Februar: Max Brod schreibt in der Zeitschrift "Gegenwart" eine Rezension und sieht Kafka, der bis dahin noch nicht eine Zeile veröffentlicht hat, in einer Linie mit Heinrich Mann, Wedekind und Meyrink. Kafka nimmt das amüsiert zur Kenntnis.

März - Ende September: Im Rahmen des gerichtspraktischen Jahres absolvierte er den zweiten Teil des Dienstjahres am Prager Landesgericht.

1. März: Die erste Ausgabe der zionistischen Wochenschrft "Selbstwehr" erscheint. In späteren Jahren sollte Felix Weltsch Herausgeber der Zeitschrift werden, die bis Ende 1938 bestand und in der auch Max Brod und Kafka publizieren sollten.

20. April: Felix Weltsch wird zum Doktor der Rechte promoviert. 

3. Mai: Auch Max Brod wird zum Dr. jur. promoviert, siehe auch:
Max Brod - Der lebenslange Freund

7. Juni - November 1913: Die Familie zieht in das moderne Mietshaus "Zum Schiff". Die Kafkas wohnen dort im obersten Stockwerk. Das Haus besaß einen Lift und die Wohnungen waren mit Bädern ausgestattet, was zu der Zeit noch nicht selbstverständlich war. Siehe auch:
Haus "Zum Schiff"

Anfang August - 25. August: Verbringt den Sommerurlaub in Triesch bei seinem Lieblingsonkel Siegfried, der hier als Land- und Fabrikarzt arbeitete. Dort lernt er die Studentin Hedwig Weiler kennen, die er zwar als hässlich beschreibt, mit der er aber eine Liebesbeziehung beginnt. Plant mehrere Fremdsprachen zu lernen und ins Ausland zu gehen, sollte er bis Oktober keine Anstellung finden. 

September: Bemüht sich in Prag um eine Anstellung Hedwig Weilers als Hauslehrerin.

1. Oktober: Tritt seine erste Anstellung bei der Prager Zweigstelle der italienischen "Assicurazioni Generali" an. Da Bezahlung, Arbeitsklima und Arbeitszeiten in der Assecurazioni Generali nicht zufriedenstellend sind, sucht er bald nach einer neuen Anstellung. Siehe auch:
Assecurazioni Generali

22. Dezember: Oskar Baum heiratet Margareta Schnabel in Prag. Siehe auch:
Oskar Baum - Musikkritiker und Schrifteller

1908

März: Brod liest Willy Haas und Franz Werfel Texte von Franz Kafka vor. Laut den Erinnerungen von Willy Haas sahen sich Haas und Werfel verwundert an bis Werfel meinte: "Das kommt niemals über Bodenbach hinaus". Bodenbach war damals die Grenzstation zwischen Österreich-Ungarn und dem Deutschen Reich.

25. März: Erste Veröffentlichung von acht Prosastücken in der Münchner Literaturzeitschrift "Hyperion" im Jahre 1908, die 1912 Teil des ersten veröffentlichten Buches Kafkas mit Namen "Betrachtung" werden. Vermittelt wurde die Publikation von Max Brod.

29. März: Hugo Bergmann heiratet Else Fanta. 

22. Mai: Kafkas Großmutter Julie Löwy stirbt.

6. Juni: Die Čech-Brücke, direkt vor dem Wohnhaus der Kafkas, wird eröffnet.

15. Juli: Kündigt bei der Assicurazioni Generali. Legt seiner Kündigung ein Attest bei, dass ihm Nervosität bei großer Erregbarkeit des Herzens bescheinigt.

30. Juli Kafka beginnt als Aushilfsbeamter bei der "Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen in Prag", wo er bis zu seiner frühzeitigen Pensionierung im Jahre 1922 angestellt bleibt. Vermittelt wurde ihm die Stelle durch den ehemaligen Mitschüler Ewald Pribram bzw. dessen Vater, Dr. Otto Pribram, der Präsident der habstaatlichen Anstalt war. Siehe auch:
Arbeiter-Unfall-Versicherungsanstalt

30. August: Kafkas Pate, Angelus Kafka, stirbt.

Anfang September: Erste Dienstreise für den neuen Arbeitgeber in das nordböhmische Industriegebiet.

September: Max und Otto Brod reisen gemeinsam nach Riva am Gardasee.

Oktober: Oskar Baum veröffentlicht "Uferdasein. Abenteuer und Tägliches aus dem Blindendasein". Das Geleitwort stammt von Max Brod.

18. und 19. Oktober: Schwere antideutsche Ausschreitungen in Prag, bei denen u. a. die Fensterscheiben der "Lese- und Redehalle" zerstört werden. Erst nach Einsatz von Militär lösen sich die Unruhen auf.

28. November: Festakt zum 60. Jubiläum der Lese- und Redehalle. Auf der Straße werden deutsche Studenten mehrfach durch Tschechen angegriffen.

2. Dezember: Aufgrund der fortdauernden Unruhen zwischen Deutschen und Tschechen wird in Prag das Standrecht ausgerufen.

1909

Beginn des Tagebuchs

Januar: Immer wieder antideutsche Unruhen in Prag, die von der Polizei aufgelöst werden müssen. Einmal versuchten tschechische Randalierer dabei sogar das Deutsche Haus zu stürmen.

7. Januar: Nachdem die Beziehung zu Hedwig Weiler zu Ende gegangen ist, schickt Franz Kafka auf ihren Wunsch alle erhaltenen Briefe zurück.

6. Februar: Kafka schreibt eine Rezension zu Franz Bleis "Die Puderquaste". Blei bedankt sich zwei Tage später in einen Brief an Max Brod für die Rezension mit den Worten: "Was Kafka in der Zeitschrift über die Puderquaste schrieb ist sehr sehr fein."

März: Brod wird bei der Prager Postdirektion eingestellt. Die Arbeitszeit beträgt 6 Stunden.

6. März: Blei liest aus der "Puderquaste" im Deutschen Haus. Wahrscheinlich ist auch Kafka unter den Zuhörern.

16. April: Kafka wird in die Unfallabteilung versetzt und von seinem Vorgesetzten Pfohl als "vorzügliche Konzeptskraft" belobigt.

Mai: Kafka liest Robert Walsers "Jakob von Gunten".

Juni: Aus dem Fragment gebliebenem "Beschreibung eines Kampfes" werden die herausgelösten Kapitel "Gespräch mit dem Beter" und "Gespräch mit dem Betrunkenen"  in der Zweimonatsschrift "Hyperion" veröffentlicht.

Sommer: Kafka nimmt wieder die Arbeit an der 1907 abgebrochenen Erzählung "Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande" auf (Fassung B und C entstehen dabei). Dazu schreibt er den autobiographischen Text "Unter meinen Mitschülern ...".

19. August: Beantragt einen Urlaub, dem er ein Gutachten beilegt, das ihm Abgespanntheit, Nervosität und häufige Kopfschmerzen attestiert. Bekommt am 20. August "ausnahmsweise" einen achttägigen Urlaub von der AUVA (= Arbeiter-Unfall-Versicherungsanstalt, Kafkas Arbeitgeber) bewilligt.

4. - 14. September: Unternimmt mit Max und Otto Brod eine Urlaubsreise nach Riva (Gardasee). Fahren zwischendurch am 10. und 11. September zu einer Flugschau nach Brescia. Schreibt danach darüber die Reportage "Die Aeroplane in Brescia", die später in der Prager Zeitung "Bohemia" veröffentlicht wird:
Die Aeroplane in Brescia als PDF-Datei

Sommer / Herbst: Arbeitet an einer Neufassung der "Beschreibung eines Kampfes".

16. September: Ernennung zum Anstaltspraktikanten und Rückversetzung in die versicherungstechnische Abteilung.

29. September: In der "Bohemia" erscheint "Die Aeroplane in Brescia".

4. - 11. November: Mit Hilfe einer fingierten Krankmeldung reist Brod nach Paris. Nachdem sein Schwindel aufflog, reist er sofort nach Prag zurück, wo er von seinem Vorgesetzten vernommen wird. Die Postdirektion belässt es bei einer schriftlichen Rüge.

November: Tagebuch: Beginn des 2. Hefts mit der Niederschrift von "Unglücklichsein". Beklagt zudem eine seit fünf Monate andauernde Schreibunfähigkeit.

November: Oskar Baum veröffentlicht den autobiographischen Roman "Das Leben im Dunkeln". Schenkt Kafka ein Exemplar mit der Widmung: "Meinem lieben Helfer und Freund. Dem lieben Dr. Franz Kafka". Kafka schreibt Baum aus dem Cafehaus "Kontinental": "Was für ein schönes Buch, wie sehr man es erwartet hat, so sehr überrascht es doch."

4. Dezember: Geburt von Familie Baums Sohn Leopold.

1910

Oskar Pollak wird Assistent für Kunstgeschichte an der Universität in Wien.

14. Februar: Elsa Taussig, die spätere Ehefrau von Max Brod, läßt ein von Brod gezeugtes Kind abtreiben.

März: Hat über Wochen hinweg depressive Stimmungen mit körperlichen Symptomen.

19. März: Besucht mit Max Brod zusammen Paul Wiegler, der Feuilletonredakteur der Bohemia ist. Übergibt ihm fünf Prosastücke.

27. März: In der Bohemia werden folgende Stücke Kafkas veröffentlicht: Am Fenster (=Zerstreutes Hinausschauen), In der Nacht (=Die Vorüberlaufenden), Kleider, Der Fahrgast, Zum Nachdenken für Herrenreiter.

29. März: Kafkas Volksschullehrer Beck stirbt mit 72 Jahren in Prag.

April: Nimmt mit Freunden an spiritistischen Sitzungen teil.

3. April: Kafkas Großvater Jakob Löwy stirbt mit 85 Jahren in Prag. Die Beisetzung erfolgt am 5. April.

23. April: Beförderung zum Konzipisten der AUVA (= Arbeiter-Unfall-Versicherungsanstalt, Kafkas Arbeitgeber). Bekommt wenige Tage darauf, bei der formellen Danksagung für die Beförderung, vor dem Präsidenten Pribram einen Lachanfall. Entschuldigt sich dafür im Nachhinein beim Präsidenten. Mit seiner Beförderung steigt sein Gehalt auf 1800 K. Dazu kommen noch 540 K Quartiersgeld und 234 K Teuerungszulage.

1. und 4. Mai: Kafka und Brod besuchen das Gastspiel einer jiddischen Theatertruppe unter der Leitung von Moritz Weinberg im Cafe Savoy. Siehe auch:
Das historische Cafe Savoy

Nacht vom 18. auf den 19. Mai: Steigt mit Freunden in der Nacht auf den Laurenziberg um den Halley`schen Kometen zu beobachten. Trotz Aufklarung nach Mitternacht taucht der Komet nicht auf.

Sommer: Rudert viel auf der Moldau. Sein Boot nennt er "Rudi", wie Brod im Tagebuch vermerkt.

8. - 17. Oktober: Reise nach Paris mit Max und Otto Brod. Übernachten die erste Nacht in Nürnberg, Weiterfahrt am nächsten Morgen über Stuttgart nach Paris. Die ursprünglich auf drei Wochen angesetzte Reise musste Kafka vorzeitig abbrechen, da eine schmerzhafte Furunkulose am Rücken einen weiteren Aufenthalt unmöglich macht.

30. Oktober: Max und Otto Brod kehren aus Paris zurück.

27. November: Elli Kafka heiratet den Geschäftsmann Karl Hermann. Siehe auch:
Die Schwestern Kafkas

3. - 9. Dezember: Kafka verbringt die übrig gebliebenen Urlaubstage aus der verkürzten Paris-Reise in Berlin. Besucht täglich Theatervorstellungen. Besonders die Hamlet-Inszenierung im Deutschen Theater unter der Regie von Max Reinhardt und mit Albert Bassermann in der Hauptrolle beeidruckt ihn tief.