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Kafka und die Frauen - Eine Einführung

Näheangst und geschriebenes Wort

Franz Kafka 1917, Quelle: Wikimedia Commons

Franz Kafka blieb zeit seines Lebens Junggeselle. Dabei galt ihm die Heirat und Kinder zu haben als das Höchste, das einem Menschen gelingen kann:

"Heiraten, eine Familie gründen, alle Kinder, welche kommen, hinnehmen, in dieser unsicheren Welt erhalten und gar noch ein wenig führen, ist meiner Überzeugung nach das Äußerste, das einem Menschen überhaupt gelingen kann." (Brief an den Vater)

Dennoch war es ihm, trotz dreier Verlobungen, nicht möglich, dauerhaft eine Beziehung zu einer Frau einzugehen. Ein gewichtiger Grund für dieses Scheitern war sicherlich das Verhältnis zu seinen Eltern. Obwohl die Eltern Kafkas ein harmonisches Eheleben führten, das eigentlich vorbildhaft auf die Familie wirken mußte, hatte dieses elterliche Glück unter dem Druck, sowohl den väterlichen, aber auch gesellschaftlichen Erwartungen zu genügen, eine genau gegenteilige Wirkung auf den Sohn. Das fehlende Identitätsbewußtsein Kafkas, das aus einem Mangel an Zuwendung und Aufmerksamkeit in der Kindheit und Jugend herrührte, ließ ihn später an der Aufgabe (ver-)zweifeln, Verantwortung für andere zu übernehmen. Daraus entwickelte sich im Laufe seines Lebens eine Näheangst, die ihn die Gemeinschaft mit anderen Menschen zwar wünschen, aber gleichzeitig - in einer unentwegten Zerreißprobe - die Aufgabe der eigenen, als schwach empfundenen Persönlichkeit fürchten ließ. Darauf sind wohl auch seine sexuellen Ängste zurückzuführen, die einmal in dem schlimmen Satz gipfelten:

"Der Coitus als Bestrafung des Glücks des Beisammenseins." (Tagebuch vom 14. August 1913)



Milena Jesenska, Quelle: Yadvashem, Gemeinfrei, Wikimedia Commons

Kafka, den immer das Gefühl bedrückte, nicht seinen Wünschen entsprechend zu leben, hatte eine panische Angst davor den letzten Rest an Freiheit, den er sich vor allem im Schreiben bewahrte, durch eine dauerhafte Beziehung zu verlieren. Diese Näheangst hat zur Folge, dass wir heute sehr gut über das Beziehungsgeflecht Kafkas Bescheid wissen, da er Nähe in erster Linie über die Distanz, genauer: über Briefe herstellen konnte. Ihr verdanken wir mit die schönsten Liebesbriefe der Weltliteratur, erfahren darin aber auch viel von den Skrupeln, Ängsten und den Machinationen des Menschen Kafka. Vor allem die Beziehung zu Felice Bauer und Milena Jesenska, den beiden wichtigsten Frauen in Kafkas Leben, war eine des geschriebenen Wortes. So verfasste Kafka allein von den 700 Seiten, die seine Korrespondenz mit Felice Bauer umfasst, über die Hälfte in den ersten sieben Monaten seit ihres Kennenlernens. Da sie sich in dieser Zeit nicht einmal sahen, lernten sie sich nur über Briefe kennen und lieben. Man geht wohl nicht zu weit, wenn man behauptet, dass sich Kafka nur über das geschriebene Wort bei gleichzeitiger körperlicher Distanzwahrung vollends öffnen konnte.

Erst kurz vor seinem Tod erprobte er erfolgreich den Ausbruch aus dem "ehernen Gehäuse der Hörigkeit" (Max Weber). Für den Zeitraum von wenigen Monaten lebte er mit Dora Diamant, seiner letzten Liebe, die ihn auch die letzten Monate aufopferungsvoll pflegte, gemeinsam in Berlin. Leider werden wir nie mehr erfahren, wie lange und nachhaltig Kafka dieses neue Leben außerhalb der elterlichen Einflußsphäre ausgehalten hätte, da er schon nach kurzer Zeit wieder todkrank nach Prag zurückkehren mußte und kurz danach auch verstarb.


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