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Julie Kafka - Die Mutter Franz Kafkas

Die Mutter - Abwesende und Vermittlerin

Die Eltern Kafkas 1913 - Quelle: Wikimedia Commons

Julie Kafka, die Mutter von Franz Kafka, wurde als Julie Löwy am 23. März 1856 im südböhmischen Poděbrady geboren, das ungefähr 50 Kilometer von Prag entfernt liegt. Der Vater war wohlhabend und besaß eine Stoffhandlung sowie eine Brauerei. Im Jahre 1876 verkaufte er seine Unternehmungen und zog als wohlhabender Privatier mit seiner Familie nach Prag. Da Julies Mutter schon im Alter von nur 29 Jahren gestorben war, musste die älteste Tochter, obgleich der Vater ein zweites Mal heiratete, schon früh im Haushalt mihelfen und sich um ihre fünf Brüder kümmern. Ihre schulische Bildung litt darunter und beschränkte sich wohl nur auf Privatunterricht zu Hause. Das war allerdings nicht ungewöhnlich für diese Zeit.

Über einen Heiratsvermittler lernte sie 1882 Hermann Kafka kennen. Sie war eine gute Partie für den jungen und auch ehrgeizigen Hermann, brachte sie doch eine gute Mitgift in die Ehe ein und war sie auch von früh an gewöhnt hart zu arbeiten und Verantwortung zu übernehmen. So fand auch die Hochzeit noch im Jahr des Kennenlernens statt und auch ein Galanteriewarengeschäft wurde nahezu gleichzeitig eröffnet (siehe auch: Geschäft des Vaters).

Im Jahr darauf brachte sie ihren Sohn Franz auf die Welt und in den darauffolgenden Jahren noch zwei Söhne, die früh starben, sowie die Töchter Elli, Valli und Ottla. Ein arbeitsintensives Unternehmen wie ein Handelswarengeschäft braucht in den Anfangsjahren jede helfende Hand. So arbeitete sie nahezu ganztägig in dem Geschäft mit und war auch in alle geschäftlichen Entscheidungen eingebunden. Darum konnte sie kaum das Heranwachsen ihrer Kinder begleiten und war mehr eine abwesende Mutter, die man während des Mittagessens und zur Bettgehzeit für sich hatte. Im Alltag kümmerte sich ein oft wechselndes Hauspersonal um die Kinder. Dazu kam, dass die Familie oft umzog, was natürlich dem wachsenden geschäftlichen Erfolg geschuldet war - man konnte sich bessere Wohnungen leisten -, aber mit Sicherheit keine Familienidylle und eine vertrauensvolle Umgebung für die Kinder aufkommen ließ.

Julie Kafka war bewußt, dass sie den Kindern fehlte, aber sie änderte nichts daran. Die Bedürfnisse ihres Mannes waren, so zumindest aus der Sicht des Sohnes Franz, letzendlich das Wichtigste im Leben von Julie. Sie war zwar vom Wesen her einnehmend und ausgleichend, im Gegensatz zum oft schroffen und cholerischen Ehemann, aber Konflikte wurden kaum offen ausgetragen und verblieben in einem ungeklärten Schwebezustand. Gerade im angespannten Verhältnis von Vater Hermann und seinem Sohn Franz bezog sie oft eine indifferente Position, wie Franz Kafka im "Brief an den Vater" beklagte:

"Es ist wahr, daß die Mutter grenzenlos gut zu mir war, aber alles das stand für mich in Beziehung zu Dir, also in keiner guten Beziehung. Die Mutter hatte unbewußt die Rolle eines Treibers in der Jagd. Wenn schon Deine Erziehung in irgendeinem unwahrscheinlichen Fall mich durch Erzeugung von Trotz, Abneigung oder gar Haß auf eigene Füße hätte stellen können, so glich das die Mutter durch Gutsein, durch vernünftige Rede (sie war im Wirrwarr der Kindheit das Urbild der Vernunft), durch Fürbitte wieder aus, und ich war wieder in Deinen Kreis zurückgetrieben, aus dem ich sonst vielleicht, Dir und mir zum Vorteil, ausgebrochen wäre. Oder es war so, daß es zu keiner eigentlichen Versöhnung kam, daß die Mutter mich vor Dir bloß im Geheimen schützte, mir im Geheimen etwas gab, etwas erlaubte, dann war ich wieder vor Dir das lichtscheue Wesen, der Betrüger, der Schuldbewußte, der wegen seiner Nichtigkeit selbst zu dem, was er für sein Recht hielt, nur auf Schleichwegen kommen konnte. Natürlich gewöhnte ich mich dann, auf diesen Wegen auch das zu suchen, worauf ich, selbst meiner Meinung nach, kein Recht hatte. Das war wieder Vergrößerung des Schuldbewußtseins."

Ein Beispiel hierfür war eine Auseinandersetzung um die Asbestfabrik im Jahre 1912, die Vater Hermann finanzierte und sein Sohn zusammen mit dem Schwager Karl Hermann leiten sollten. Doch Sohn Franz konnte und wollte nicht so viel Zeit wie gewünscht und erwartet von der Familie in das Unternehmen einbringen, das sich, kaum ein Jahr nach Gründung, in ernsthaften Schwierigkeiten befand. Der Druck auf Franz Kafka wuchs so an, dass er in einem Brief an seinem Freund Max Brod von Selbstmordabsichten schrieb. Dieser war natürlich aufgeschreckt und informierte sofort die Mutter. Und wie reagierte Mutter Julie? Sie nahm durch Verschweigen Rücksicht auf das kränkelnde Herz des Vaters und sie sorgte dafür, dass Franz in den nächsten Wochen nicht mehr in die verhasste Fabrik musste, in dem sie heimlich die Aufgabe einem jüngeren Bruder Karl Hermanns übertrug. Der Konflikt war damit entschärft, aber nicht gelöst.

Nach dem Tod ihres Mannes im Jahre 1931 zog Julie Kafka in ein Mietshaus, dass sie und ihr Mann vom Erlös des Verkaufs ihres Warengeschäfts im Jahre 1918 erworben hatten und in dem schon ihre Töchter Ottla und Elli mit ihren Familien wohnten. Dort starb sie am 27. September 1934.


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